| 1.Kapitel: Ankunft Es war in den frühen Morgenstunden eines grauen Sonntags, als ich nach langer, anstrengender Fahrt endlich das Ortsschild der Kleinstadt erreichte. Ein freundlicher Tankwart hatte mir eine Skizze aufgemalt, nach der ich auf Anhieb die Straße, wenn auch nicht gleich das Haus, fand, in dem sie wohnte. Es lag in einer ruhigen Gegend, in der schlafende Hunde begraben wurden und in der - wie offenbar in englischen Kleinstädten üblich - ungefähr jedes fünfte Haus zum Verkauf stand. Ich fuhr gemächlich die Häuserzeile entlang und wunderte mich über die merkwürdige Numerierung der Häuser, die keinem mir bekannten System zu folgen schien, so daß ich die Nummer 5F nirgends finden konnte. Als ich am oberen Ende der Straße angekommen war, wendete ich, und kaum daß ich wieder in Fahrtrichtung stand, sah ich sie mir auch schon entgegenkommen. Sie hatte den Kater auf ihrem Arm, und ich erkannte sie erst auf den zweiten Blick. Sie hatte recht gehabt: Sie hatte sich sehr verändert. Aufgeregt versuchte sie, mir etwas von einem Freund mitzuteilen, der momentan zu Besuch sei oder so etwas Ähnliches, als Dick mir auch schon entgegentrat. Ich begriff nicht gleich, konnte ja schließlich auch nicht ahnen, daß er derjenige war, von dem sie mir geschrieben hatte. Good morning, Dick! Nice to meet you! Ich fühlte mich vollkommen erledigt von der anstrengenden Fahrt und hatte nun, nachdem ich ihr die weißen Nelken in die Hand gedrückt hatte, die gesamte Konversation in einer fremden Sprache am Hals. Und das nach einer Marathontour, während der ich vermutlich irgendwann hinter dem Steuer eingeschlafen wäre, hätte ich mir selbst nicht filmgerecht ein paar kräftige Ohrfeigen versetzt. Zugleich war ich allerdings auch irgendwie glücklich - wenn auch nicht gerade in dem Maße, wie ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte -, denn immerhin war ich bisher davon ausgegangen, daß ich hier mit ihr alleine sein würde. Mittlerweile hatte ich nämlich kapiert, daß dieser Dick bei ihr wohnte, und daß es keineswegs so großartig werden würde, wie mir drei Wochen voll feuchter Träume vorgegaukelt hatten. Scheiße! Konnte mir das Glück nicht auch einmal hold sein? Nun gut. Ich würde eben das Beste daraus machen müssen. Schließlich schien er ein ganz umgänglicher Typ zu sein. Und im übrigen kam mir Rebecca ohnehin alles andere als attraktiv vor. Nicht nur, daß sie ihre wunderschönen braunen Haare einfach blond gefärbt hatte, war sie auch ganz schön fett geworden. Kein bißchen mehr das ranke, schlanke, magersüchtige Mädchen, über das ich einst verliebte Lieder geschrieben hatte, nachdem wir uns zum ersten Mal getroffen hatten. Okay, okay, man kann nicht immer Glück haben. Dann eben nicht. Es würde mir schon irgendwie gelingen, einen netten Urlaub zu verleben, dachte ich. Und außerdem gaben sich die beiden ja auch wirklich alle Mühe, überschlugen sich förmlich darin, mir Komplimente bezüglich meiner tollen pronounciation zu machen. Ob ich müde sei, erkundigten sie sich zweistimmig, und ob ich ein Bad nehmen wolle. Danke, danke, aber zum Baden verspürte ich jetzt wirklich wenig Lust, und müde war ich zwar schon, aber wahrscheinlich würde ich doch nicht schlafen können. Während ich mit letzter Kraft versuchte, meine Reisetasche über die Treppe nach oben zu manövrieren, wo Rebecca mir mein Zimmer zeigen wollte, zischte sie mir aufgeregt ins Ohr, daß sie nicht mit Dick zusammen sei und daß wir uns unter keinen Umständen von ihm stören lassen würden. Ich war zu müde, um allzu klare Gedanken zu fassen, aber ich wette, daß die Antwort in meinem Gesicht geschrieben stand. Nachdem sie mich alleine gelassen hatte, machte ich mich, wie man so schön sagt, ein wenig frisch, was nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als daß ich mir mit einem Handtuch die Achseln trocken rieb und etwas Deo versprühte, sowie daß ich Jeans und T-Shirt wechselte. Dann erschien ich unten und war bereit für ein bißchen gepflegten smalltalk. Ach nein, danke, ich möchte wirklich kein Bad nehmen. Die ersten Stunden waren okay, aber das letzte Stück hat mir dann doch zu schaffen gemacht. Also, ehrlich gesagt, finde ich es eher kalt hier. Nein, ich bin sicher, es hat wirklich keinen Zweck, jetzt schlafen zu wollen. Ja, es wäre nett, die Stadt ein bißchen kennenzulernen. Ja ja, Albert ist niedlich; das muß ich zugeben. Knapp eine halbe Stunde später konnte ich den ersten Etappensieg verzeichnen, denn Rebecca und ich befanden uns auf einem zweisamen Spaziergang, im Zuge dessen sie mir die Stadt zeigte. Ich war allerdings nicht allzu aufnahmefähig, was die reizvolle Umgebung betraf, denn den Umständen entsprechend hing ich sozusagen an ihren Lippen. Wir unterhielten uns angeregt, und sie beeilte sich, mir mitzuteilen, daß sie mit aller Kraft versucht hatte, Dick dazu zu bewegen, sich für die Zeit meines visits ein anderes Domizil zu suchen, daß er ihr jedoch letztlich so leid getan hätte, daß sie ihm zuliebe nachgegeben habe. Deshalb sei er jetzt da. We spent over three days argueing, verteidigte sie sich gegen eine Anklage, die ich nicht ausgesprochen hatte, und lieferte mir anschließend eine plastische Beschreibung jener drei Tage, in denen Dick gefleht und gebettelt haben mußte, während sie à la Betty Blue kurz davor gewesen war, seinen gesamten Krempel aus dem Fenster zu schmeißen. Ich stellte mir die Szene ziemlich amüsant vor. So spazierten wir also durch die sonntäglichen Kleinstadtstraßen von Harrogate, die den leergefegten Straßen einer Geisterstadt nicht unähnlich sahen, so sehr schienen sie wie ausgestorben. Zwischen den frisch gewaschenen Wolkenschäfchen blinzelten von Zeit zu Zeit vereinzelte Sonnenstrahlen hindurch, die das Städtchen in malerische Farben tauchten, bevor sie wieder in der Ewigkeit entschwanden. Dadurch entstand eine Stimmung, die irgendwo im Grenzbereich zwischen friedlich, langweilig trist und romantisch anzusiedeln war. Ich überlegte fortwährend, ob ich meinen Arm um ihre Schulter legen sollte, entschied mich aber dagegen. Es war noch zu früh. However, ich war müde und hatte mittlerweile beschlossen, daß die vor mir liegenden Tage zumindest interessant werden würden. Der rosafarbene Brief, die vielen Andeutungen, ihr Gesicht, wenn sie mich ansah: Das letzte Wort in diesem Fall war noch nicht gesprochen. Ich entschied abzuwarten und alles auf mich zukommen zu lassen. Als wir genug von Harrogate gesehen hatten und wieder in die Nähe ihres Hauses kamen, das übrigens ebenfalls zum Verkauf stand, hatte sie mich nicht zuletzt auch darüber informiert, daß Dick derjenige war, mit dem sie verlobt gewesen war, und mit dem zusammen sie das Haus gekauft hatte, das jetzt ihr allein gehörte. Sie hatten heiraten wollen, und die Hochzeit wäre vor etwa einem dreiviertel Jahr gewesen. Aber dann sei ihr plötzlich klar geworden, daß die Leidenschaft in ihrer Beziehung über die lange Zeit verlorengegangen sei. Sie liebe ihn zwar noch immer, meinte sie, doch mehr wie einen Bruder, nicht wie einen lover. Deshalb mache es sie auch nach wie vor traurig, ihn unglücklich zu sehen. Naja, ehrlich gesagt, wenn ich ihn so ansah, konnte ich ihr nur recht geben. Für mich war er das müde Abziehbild eines Patriarchen. Ich hielt ihn auch nicht für sonderlich attraktiv, doch welcher andere Mann wäre mir in meiner Situation schon attraktiv vorgekommen? Immerhin fand ich dafür sie mittlerweile trotz runderer Formen und blond gefärbter Mähne schon wesentlich anziehender als am heutigen Morgen, denn inzwischen hatte sie ein paarmal gelächelt, und dieses Lächeln erschien mir noch ebenso zauber- und rätselhaft wie vor neun Jahren. Wie gesagt, damals war sie hochgradig magersüchtig gewesen, aber das war mir natürlich nicht einmal aufgefallen. Schließlich hatte ich mich schon immer für große, schlanke Frauen begeistern können, und Rebecca war groß, ich schätze einsachtzig. Genauso groß bin ich nämlich selbst. Doch zurück zu jenem Ankunftstag: Richard, genannt Dick war also ihr ex-lover, und er wohnte, wie sie erklärte, deswegen bei ihr, weil sie auf sein Geld angewiesen war. Ich brachte in Erfahrung, daß zwischenzeitlich mehrere Untermieter bei ihr logiert hatten, daß sie mit diesen jedoch sehr viel Ärger gehabt habe, weil die sich einen Scheißdreck darum gekümmert hätten, welche Sorgen Rebecca mit dem Haus hatte. Ob es da um übertriebene Heizkosten, offen gelassene Fenster oder was auch immer ging; welchen Ärger man sich eben einhandelt, wenn man lodgers im Haus hat. Weiblich, ledig, jung sucht... Da macht man was mit. Aus diesem Grund war Dick schließlich vor etwa zwei oder drei Monaten, ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern, wieder bei ihr eingezogen, und seitdem kam sie wenigstens halbwegs mit den monetären Gegebenheiten aus. Allerdings arbeitete sie dafür auch doppelt, nämlich erstens in ihrer Bank und außerdem noch in einem Pub. Ich begriff es nicht ganz, aber es schien sich um eine Art Offiziersheim für Polizisten zu handeln. Sie nannte es working at the pigs. Den Rest schienen ihr hin und wieder ihre Eltern zuzustecken, aber ganz verstanden habe ich auch das nicht. Schließlich war ich hundemüde, und so perfekt wie Rebecca und Dick immer behaupteten, ist mein Englisch letzten Endes leider nicht. Inzwischen befanden wir uns wieder vor dem Haus. Während sich die Gartentür hinter uns schloß, öffnete sich vor uns die Haustür, und für einen kurzen Augenblick konnte man leichte Anzeichen von Eifersucht in Dicks dunklen Augen aufblitzen sehen, aber sofort hatte er sich wieder in der Gewalt und fragte uns, ob wir einen nice walk hinter uns hätten. Ja, antwortete ich, gähnte, und machte mich so schnell wie möglich auf den Weg in mein Zimmer, um mich wenigstens ein paar Minuten lang auszuruhen. Aus den paar Minuten wurden ein paar Stunden, denn obwohl ich normalerweise unter gar keinen Umständen dazu in der Lage bin, nachmittags einzuschlafen - sei es auch bloß für ein Viertelstündchen - gelang mir eben dieses nun auf wundersame Weise. Aber ich hatte auch eine siebzehnstündige Autofahrt hinter mir, wenn man die Zeit auf der Fähre mitrechnet, und der einzige Schlaf, der mir vergönnt gewesen war, bestand aus zwanzig kurzen Autobahnraststättenminuten, die ich auf den gemütlichen Vordersitzen meiner Ente genossen hatte. Ich schlief, ich weiß nicht mehr, wie lange, und hatte wundervolle Wunschträume, die sich irgendwie um Rebecca gedreht haben müssen. Aber beschwören kann ich das nicht, Euer Ehren, da ich mich beim besten Willen an nichts mehr erinnere. © Copyright 1997, Wim Snayder Verlag. This work may not be reproduced in any form without the written consent of the publisher. |