"Rebecca"

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  • 2.Kapitel: Elektrizität

    Am folgenden Morgen wurde ich reichlich unsanft aus meinem verdienten Schlaf gerissen. Zum einen weil es dank dünner, geblümter Vorhänge vergleichsweise hell wurde im Zimmer, zum anderen weil ich ziemlich lautes Gepolter aus dem angrenzenden Badezimmer vernehmen konnte. Rebecca würde später erklären, daß sie sich bemüht habe, so leise wie möglich zu sein, aber ich frage mich, wie es sich dann wohl anhört, wenn sie erst laut ist. Doch wie dem auch sei, nach ungefähr anderthalb Stunden dezenten Lärms hörte ich, wie die Haustür geschlossen wurde, und stellte fest, daß ich von nun an alleine im Haus war. Das Abenteuer konnte beginnen.

    Zunächst sah ich diesem Tag recht gelassen ins Gesicht, indem ich mir beim Rasieren, beim Frühstücken und beim Anziehen reichlich Zeit ließ. Letzteres lag dabei weniger an mir, als vielmehr an der Tatsache, daß es sozusagen arschkalt war, so daß ich mit jeder neu angezogenen Kleidungsschicht zunächst kurz unter die wärmende Bettdecke fliehen mußte, ehe ich die nächste in Angriff nehmen konnte. Ich kam mir schon beinahe vor wie im tiefsten Winter, obwohl auch der billigste Kalender eindeutig anzeigte, daß Sommer befohlen war. Daher zog ich zwei T-Shirts übereinander und darüber einen Pullover an. Ich hoffte, daß ich damit auch bei offen getragener Lederjacke ausreichend gegen englische Temperaturen gerüstet war, was sich wenig später auf dem Weg in die Stadt auch als halbwegs zutreffend herausstellen sollte. Jedenfalls solange man in Bewegung blieb. Auf jeden Fall war ich glücklich. Endlich in England . Oh, Land meiner kühnsten Träume!

    Nach einer kurzen, aber heftigen Auseinandersetzung mit Albert, der sich offenbar als Herr des Hauses fühlte, sobald sein Frauchen dasselbe verlassen hatte, machte ich mich auf den Weg, das viel gepriesene Städtchen auf eigene Faust zu erkunden. Es galt, neues Gebiet zu erobern , noch umgedrehte Karten aufzudecken. Das einzige, was meinem Vorhaben im Weg stand, war die lästige Tatsache, daß ich mich zuerst um Geld kümmern mußte, denn alles, was ich noch an englischen Pfunden mein eigen nannte, waren einige Münzen, die zusammen nicht einmal fünfundsiebzig pence wert waren. Weit würde ich damit nicht kommen, soviel stand fest. Hinzu kam noch, daß auch mein Tank laut nach Befüllung schrie . Ich war gestern morgen froh gewesen, daß der Kraftsaft noch bis zu ihrem Haus gereicht hatte, denn ich wäre wohl keine zwei Kilometer weiter gekommen, ohne Rebeccas Blumen in den Tank stopfen zu müssen.

    Um es kurz zu machen: auf der Post von Harrogate bekam ich natürlich so ohne weiteres keinen müden penny. Dafür hätte ich schon bis nach Leeds fahren müssen. Das einzige, was mir übrig blieb, war also, hundertfünfzig Märker bei der Bank of Scotland zu wechseln. Eine teure Angelegenheit, aber was hätte ich sonst machen sollen?

    Zuvor jedoch checkte ich die Lage, wieviele und welche shops es am Platze gab, in denen ich die Objekte meiner Begierde finden konnte. Das Sammeln kleiner, schwarzer PVC-Scheiben ist nämlich seit Jahr und Tag meine große Leidenschaft, und ich kann einfach nicht genug davon bekommen, überall und every where auf die Jagd nach Raritäten zu gehen. Allerdings geht die Leidenschaft nicht so weit, daß ich Phantasiepreise akzeptieren würde. Niemals! Die Wahrheit ist, daß mir die Sammelei nur dann wirklich Spaß macht, wenn ich das Gefühl habe, ein Schnäppchen machen zu können. Wenn ich hingegen den Eindruck nicht los werde, fies über den Tisch gezogen zu werden, dann nagt es hinterher so lange an mir, bis ich mir schließlich Genugtuung verschaffe, indem ich den Durchschnittspreis ein wenig korrigiere. Ich will es so formulieren: die Welt ist ungerecht, und ich bin nicht der Typ, der Lust hätte, immer den Depp der anderen zu spielen. Deshalb helfe ich dem Glück gelegentlich etwas nach und sehe zu, ob ich nicht durch etwas wohldosierte Geschicklichkeit dazu komme, sehr billig einzukaufen.

    Noch bevor ich überhaupt Geld in der Tasche hatte, zog es mich also gleich in den ersten, ziemlich unscheinbaren, kleinen Laden hinein, der sich sogleich als Fundgrube erster Kajüte entpuppte, handelte es sich hier doch um einen second-hand-shop mit äußerst zivilen Preisen. Ganz anders als ich es aus Good Old Germany gewohnt war und eben auch noch besser als es meiner Erfahrung nach in London aussah. Auf Anhieb fand ich einige interessante Singles, die meinem Herzschlag die Sporen gaben, und nach nicht einmal zwei Stunden konzentrierter Arbeit hatte ich das Sortiment so weit durchforstet, daß ich mühelos eine Liste des Inventars hätte aufstellen können. An dieser Stelle sollte ich vielleicht nicht ohne Stolz hinzufügen, daß ich üblicherweise in einer neuen Stadt schon nach kürzester Zeit exakt im Kopf habe, welche Schallplatten es wo und zu welchem Preis zu erwerben gibt.

    Nachdem ich dann das Geld getauscht, einen quadratischen Fisch gegessen, sowie einen Tee mit Milch getrunken hatte, was vielleicht noch einmal zwei Stunden meiner knapp bemessenen Zeit beansprucht hatte, konnte ich bei Faith, wie der dealer sinnigerweise hieß, endlich richtig loslegen. Es hatte sich nämlich gezeigt, daß in diesem Fall der erstbeste Laden ausnahmsweise auch der Beste war. Deshalb erklomm ich die wackligen Holzstufen an diesem Tag zum zweiten Mal, um mir den süßen Vinylduft um die Nase wehen zu lassen.

    Ich war gerade damit beschäftigt, eine Vorauswahl zu treffen, als mir beinahe gleichzeitig zwei tolle Ideen durch den Kopf schossen. Zum einen fiel mir auf, daß meine Lederjacke eigentlich unheimlich praktisch war, denn schließlich ist sie so steif wie ein Panzer. Wenn ich entsprechendes Fingerspitzengefühl bewei sen würde, könnte es mir möglicherweise gelingen, einige Singles hinter meinem Rücken in die Jeans gleiten zu lassen, das T-Shirt darüberzuziehen und das übrige der Jacke zu überlassen. Die zweite Idee bestand ganz einfach darin, zusätzlich über die Preise zu verhandeln - sozusagen als Alibi. Ich hatte nämlich die Erfahrung gemacht, daß man - gerade wenn man etwas extrabillig mitnehmen will - grundsätzlich eine Frage an den Verkäufer zu richten hat, denn solcherlei Dreistigkeit traut einem im allgemeinen niemand zu. Außerdem war es schließlich durchaus möglich, auf diese Weise gleichzeitig noch völlig legal zu sparen.

    Ich machte mich sofort an die Ausführung meines Plans, wobei ich mich zunächst auf die Einrichtung konzentrierte. Wie ich es mir gedacht hatte: Es gab lediglich einige Spiegel, die dem Verkäufer ermöglichten, auch die entlegeneren Winkel und Ecken einzusehen. Übliche Sache. Lohnt sich absolut nicht, es dort zu versuchen. Schließlich wollte ich meine guten Karten nicht gleich verspielen. Blöd war allerdings, daß ich im Gegensatz zu heute morgen nicht der einzige Kunde im Laden war - eine Tatsache, die mich grundsätzlich nervös macht. Ein Kerl mit blondem Bart stöberte seit einer geschlagenen halben Stunde in ein und derselben Kiste herum und machte keinerlei Anstalten zu verschwinden. Zudem blätterte er auch noch alles in Ruhe durch, ohne sich nur ein einziges Mal vom Verkäufer helfen zu lassen. So geht das aber nicht, mein Herr! Wie sollte ich denn so, bitteschön, zum Zug kommen? Nein, der verdammte Kerl mußte erst weg! Gezwungenermaßen stellte ich mich auf längeres Warten ein, wobei ich natürlich unauffällig bleiben mußte, was im Klartext bedeutete, die Schatzkisten zum dritten Mal zu durchkämmen. Dummerweise war ich jedoch inzwischen in jeder Beziehung und Hinrichtung fertig und verspürte wenig Lust, noch weiter zu suchen. Mein Kopf begann schon unangenehm elektrisch zu summen, und außerdem wurde mir langsam kalt, denn ich stand bereits seit einer knappen dreiviertel Stunde mehr oder minder bewegungslos im Durchzug. Doch endlich, nach unendlich langer Zeit - grob geschätzt zehn Minuten - trollte sich der unverschämte Kerl. Ich hätte Grund zur Freude gehabt, wäre nicht unterdessen diese alte Schachtel hereingekommen, die den Knaben hinter der Theke offensichtlich zu kennen schien. Ich war also nicht nur wieder nicht mit ihm alleine, sondern fühlte mich außerdem noch ständig unter seiner Beobachtung. Er stand da hinter seinem Tresen, sah mir zu und sprach gleichzeitig mit der Alten. Es schien wie verhext. Ich weiß nicht wie lange, aber bestimmt zwanzig Minuten lang war es mir nicht vergönnt, meinen schönen Plan zur Ausführung zu bringen. Kein Wunder, daß ich ziemlich in die Knie ging. Schließlich gab ich mich geschlagen, obwohl die Tussi genau in diesem Augenblick den Laden verließ, aber alle Tricks, den eifrigen Sheriff loszuwerden, waren gescheitert, und außerdem wurde mir der Knabe allmählich immer sympathischer.

    So kam es, daß ich mich entgegen allen Prinzipien mit ein wenig Feilscherei begnügte. Es war witzig: Ich fragte, ob die fünfzehn Pfund, die ich errechnet hatte, der Weisheit letzter Schluß seien, und er grinste in Erwartung meines Gebotes. So sagte ich zehn, er vierzehn. Jetzt grinste ich und sagte elf. Er dreizehn. Ich wollte gerade Luft holen, um zwölf zu sagen, als er plötzlich den Spielverderber markierte, und sich selbst dann nicht weiter weichklopfen ließ, als ich den alten Trick mit den Kratzern versuchte. Er muß gero chen haben, daß ich hinter den Teilen her war wie der Kater hinter der Katze. Trotzdem war es ein gutes Geschäft. Ich verließ den Laden mit einem süßen Geschmack auf der Zunge.



    Als ich wenig später die Haustür aufschloß, - übrigens mit Dicks Schlüssel, den ich bekommen hatte, damit ich gewissermaßen unabhängig war, - waren Madame und Monsieur bereits da.

    Good evening! Und hallo Albert! Wie geht´s Dir denn? Ich vergaß niemals, meinen vierbeinigen Freund entsprechend zu hofieren, denn der Weg zum Herzen der Dame kann durchaus über den Kater führen, wie man ja weiß. Im übrigen wußte ich schließlich aus Rebeccas Briefen, welch hohe Stellung er in diesem Hause genoß, daß er erst wenige Wochen alt war, daß er täglich ungefähr einen Zentimeter größer wurde, und daß sein größtes Vergnügen darin bestand, in fremden Betten zu wühlen.

    Von diesem Augenblick an bestand mein dringendstes Problem darin, den guten Dick loszuwerden, um endlich mit Rebecca alleine sein zu können. Klar, sie hatte erklärt, wir würden uns durch seine An wesenheit nicht stören lassen, aber ich machte mir doch verstärkt Gedanken darüber, was ich ihm erwidern könnte, wenn er den Versuch unternähme, sich bei uns einzuklinken. Eine Befürchtung, die durchaus nicht außerhalb des Möglichen lag. Glücklicherweise lösten sich meine Ängste jedoch schon bald in Wohlgefallen auf, denn Rebecca hatte entschieden, daß wir beide - und zwar nur wir beide - zusammen ausgehen würden. Und da konnte Dick sich selbst auf den Kopf spucken oder so unglücklich aussehen wie er wollte. Rebecca hatte gesprochen. Es war beschlossene Sache.

    Wir entschieden, sofort aufzubrechen, was wir eine knappe Stunde später auch taten, nachdem sie ihr obligatorisches Bad genommen und sich zurechtgemacht hatte.

    Should I change my clothes or am I beautiful enough?, hatte ich gefragt, und sie hatte geantwortet, ich sei beautiful enough. Trotzdem entschied ich mich in letzter Sekunde dafür, mein dunkelrotes Jackett anzuziehen, denn bei unserem gestrigen Spaziergang war auch die Rede von Klamotten gewesen, und ich hatte den Eindruck gewonnen, daß die Art und Weise, wie ich mich üblicherweise zu kleiden pflegte, nicht gerade ihrem Geschmack entsprach. Mal sehen, ob sich meine Chancen im Jackett erhöhen ließen...

    Leider war es dann draußen dermaßen kalt, daß es schon recht schwierig wurde, sie zu beeindrucken, denn ich war gezwungen, meine Arme dicht an den Körper zu pressen, wie man es eben tut, wenn man saumäßig friert. However. Zunächst gingen wir in einen schmierigen, kleinen Club, in dem wir ein Bier im Stehen tranken. Die Musik dort entsprach genau dem, was ich im allgemeinen als übel bezeichne. Leider war ich so unvorsichtig, das in etwa anzudeuten, worauf Rebecca nicht gerade erfreut reagierte. Aber wenigstens gab meine Bemerkung den Ausschlag weiterzuziehen, und da wir beide noch nichts Richtiges gegessen hatten, zog uns ein kleines, in einer Nebenstraße gelegenes, chinesisches Restaurant geradezu magisch an. Ein short look auf die Speisekarte zeigte dann, daß unsere Wahl durchaus korrekt war. Außerdem machte es einen sehr gemütlichen Eindruck.

    Rebecca ging selbstverständlich und ohne eine Spur von Zurückhaltung voran, was ich normalerweise nicht gewohnt war und mich ein bißchen grinsen ließ. Sie steuerte right auf einen kleinen Tisch in der Ecke zu, an dem auch ich nichts auszusetzen hatte, und nahm Platz. In diesem Moment stellte ich zum ersten Mal fest, daß sie überall aufzufallen schien, denn so ziemlich jeder der Anwesenden, vornehmste Gäste eingeschlossen, starrte sie an. Neben ihr konnte man sich richtig klein und häßlich vorkommen.

    Auf dem Tisch lagen Stäbchen, chopsticks, wie sie mich belehrte. Ich mußte sofort an meinen Kurzurlaub in London letztes Jahr denken, unseren swansong, und fand es witzig, wieder einmal geduldig zu essen. Rebecca brachte zwar gleich vielerlei Einwände vor, aber ich beruhigte sie, daß ich es ihr schon beibringen würde. Wenig später, als wir Speisen und Getränke ausgesucht hatten, und das Essen aufgetragen wurde, zeigte ich es ihr. Ich machte ihr vor, wie man die sticks zu halten hat, aber sie stellte sich so ungeschickt an, daß ich ihr die Dinger in die Finger legen mußte. Dabei berührte ich ihre Hand mit der meinen für einen winzigen Moment, der jedoch durchaus ausreichte, um meinen ganzen Körper elektrisch aufzuladen. Sie sah mich vielsagend an, und im nächsten Augenblick mußten wir beide lachen. Doch das Benutzen der Stäbchen klappte schließlich gut.

    Wir unterhielten uns angeregt über die verschiedensten Dinge. Von den beliebten Themen LIEBE und SEX über FEMINISMUS bis zu unseren Lieblings büchern, wobei sie ständig betonte, wie clever ich doch sei, und es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre noch eingebildeter geworden als ich es ohnehin bin. Ich erzählte ihr von den Schattenseiten meines Lebens, meiner gescheiterten Beziehung und den Magenschmerzen, die ich inzwischen einigermaßen in den Griff bekommen hatte, ließ aber andererseits auch durchblicken, daß ich zuweilen sehr romantisch sein konnte und zu genießen verstand. Dabei stellten wir fest, daß sie einige meiner Vorlieben und Wünsche durchaus teilte. Nicht nur, daß ihre Sehnsucht nach sweet little Rebeccas ebenso groß war wie die meine nach kleinen Spiegelbildern, waren wir auch beide gleichermaßen fasziniert von der Naturgewalt der Ozeane, die für beide von uns eine der letzten Domänen darstellte, die noch nicht von Menschenhand kontrolliert wurden. Rebecca stellte fest, daß sie sich nicht selten gewünscht hatte, am Meer zu wohnen, und in diesem Augenblick überkam mich ein sanftes Gefühl der Zusammengehörigkeit und nicht nur das. Es wurde ein gelungener Abend, und sie schien sich ebenso wohl zu fühlen wie ich. Warum auch nicht? Ich hatte es doch gewußt: Ich mußte bloß mit der Frau alleine sein, dann standen meine Chancen gar nicht mal schlecht...

    Als wir uns schließlich auf dem Weg nach Hause befanden, bemerkte ich, daß sie ganz ordentlich getankt hatte, was mir - zugegebenermaßen unoriginellerweise - endlich den perfekten Vorwand dafür lieferte, meinen Arm um ihre Schulter zu legen. Sie schien keine Einwände vorbringen zu wollen und so genoß ich den Weg.

    Als wir bei ihr zuhause ankamen, warteten ein Kater und ein Köter, besser gesagt ein Schießhund auf uns. Letzterer sah nicht gerade danach aus, einen besonders netten Abend verlebt zu haben. Na, man kann es nicht allen recht machen, dachte ich, und fiel in einen tiefen und erholsamen Schlaf.


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