"Rebecca"

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  • 3.Kapitel: Traumtanz

    Der folgende Tag begann ebenso unspektakulär wie der vorangegangene. Allerdings beeilte ich mich heute mehr als gestern bei der Morgentoilette, da Dick und ich uns vorgenommen hatten, nach Leeds zu fahren, um dort ein wenig dem shopping zu fronen. Er hatte nämlich heute seinen Ausgleichstag, da er letzten Samstag im Geschäft gewesen war. Bei diesem handelte es sich übrigens um einen kleinen Elektronikshop, in dem er als Geschäftsführer arbeitete. Ich war äußerst gespannt, was uns in Leeds erwarten würde.

    Dick bat darum, mit meinem Wagen zu fahren, denn, so erklärte er, er sei es gewohnt jeden Tag am Steuer zu sitzen, und da sei er froh, einmal chauffiert zu werden. Mir war es recht, denn erstens galten damit automatisch meine Regeln in Puncto Musik, und zweitens konnte ich auf diese Weise ein bißchen den coolen Rennfahrer heraushängen lassen. Prima! Wir fuhren also los, und ich muß zugeben, es wurde eine lustige Tour. Wir hatten das Radio bis zum Anschlag aufgedreht, und ich fuhr zügig, wenn auch nicht gerade halsbrecherisch - aber eben nicht so, wie ich mir den zweiten Tag auf der falschen Seite vorgestellt hätte. Ehrlich gesagt, kam ich mir Dick gegenüber sozusagen dominant vor. Nicht, daß ich der Typ wäre, der Macht gerne auskostet, aber ich hatte gute Lust, ihn ein bißchen unterzubuttern, denn schließlich war er eine Art Rivale für mich. Im übrigen kam es mir allmählich ziemlich merkwürdig vor, daß er ständig so tat, als führten Rebecca und er die perfekte Beziehung. Schließlich hatte sie mir ja erzählt, welcher Art ihr Verhältnis war, und daß ihr Sexualleben seit mindestens zwei Jahren vollkommen brach lag, obwohl sie jede Nacht im gemeinsamen Bett mit gemeinsamer Bettdecke schliefen. Zumindest wieder seitdem ich da war. Was sollte also das dumme Gerede? Doch ich ließ ihm seinen Spaß. Sollte er doch denken, was er wollte. Keinen Moment lang kam mir der Gedanke, daß Rebecca vielleicht gelogen haben könnte.

    In Leeds angekommen, fanden wir mit Mühe und Not einen Parkplatz und machten uns dann über den Umweg in verschiedene recordstores auf den Weg zur Post, wo ich genügend Geld für die nächsten Tage abhob. Dazwischen unterhielten wir uns angeregt über amerikanische Spielfilme, englische Rockmusik, Frauen in Miniröcken und über mich. Offensichtlich hatten wir recht ähnliche Interessensgebiete, obwohl doch beinahe ein volles Jahrzehnt zwischen uns lag. Was Wunder, dachte ich, denn manchmal hielt ich mich selbst für ein bißchen altmodisch. Besonders in Bezug auf Mode, Musikgeschmack und Autoträume. Die meisten meiner Steckenpferde rochen ein wenig nach Patina und viele von ihnen hätte man sich problemlos in einem Thriller aus den vierziger Jahren vorstellen können. Wahrscheinlich verhielt es sich ungefähr so, wie Truffaut es einmal ausgedrückt hat: Heutzutage bildet nicht mehr der Film die Wirklichkeit ab, sondern die Wirklichkeit wird durch den Film beeinflußt und von ihm abgeschaut. Da war etwas Wahres dran. Ich selbst hatte mich beispielsweise als kleiner Junge oftmals so gefühlt, als befände ich mich in einem alten, amerikanischen Schwarzweißfilm, wenn ich spät abends alleine durch dunkle Herbststraßen geschlichen war. Und auch heute noch war ich manches Mal schwer enttäuscht von der Realität, wenn diese nicht drehbuchgerecht verlief. Im Film braucht man sich schließlich keine Sorgen zu machen, wenn der Held die Frau seiner Träume flüchtig vorbeihuschen sieht, denn es ist gewiß, daß er Gelegenheit haben wird, sie wiederzusehen. Und zwar mit Sicherheit nicht erst dann, wenn beide alt und grau sind.

    Vielleicht liegt hier auch der Grund dafür begraben, daß ich gelegentlich Gedichte schreibe, vielleicht auch für Schönheitsideale, Vorliebe für Sonnenuntergangsfarben, sowie meine antiquierten Vorstellungen von Liebe und Glück. Träume in Technicolor! Die wirklich unwirklichen Farben hatten mich schon als Kind fasziniert.

    Ich erwachte aus bunten Tagträumen, als der eifrige Dick mich zum hundertfünfzigtausendsten Mal davor bewahrte, von einem falsch fahrenden Fahrzeug überrollt zu werden. Ich würde mich wohl niemals daran gewöhnen. Hier auf der Insel war es tatsächlich schwieriger, als Fußgänger die Straße zu überqueren als am Steuer sitzend die roundabouts im Uhrzeigersinn zu überwinden.

    Dick lachte. Ich auch. Wir befanden uns in Leeds, und ich fühlte mich glücklich. Dennoch lag während der ganzen Zeit der Hauch eines Schattens über uns, denn so sehr Dick sich auch bemühte, den perfekten Stadtführer zu spielen, kam doch immer auch eine Spur von ängstlicher Unsicherheit bei mir an. Aber er durfte mir nicht leid tun. Ich wußte genau, was ich wollte, und ich würde mich sicher nicht davon abbringen lassen. Da konnte er sich von mir aus auf den Kopf stellen und gleichzeitig gegen den Wind pissen. Ich wollte diese Partie auf jeden Fall gewinnen. Mit mir hatte vor einem halben Jahr auch niemand Mitleid gehabt. Hier witterte ich meine große Chance, und ich war festen Willens, sie zu nutzen. It´s your holiday, wiederholte er immer wieder, und damit hatte er verdammt recht, denn ich wollte mich mit vollen Händen bedienen, und sah weder ein, auf ausgedehnte Jagden zu verzichten, noch den ehrbaren Idioten zu spielen. Männer sind eben Jäger und Sammler. Sie waren es vor fünftausend Jahren und werden es in weiteren fünftausend Jahren wahrscheinlich noch immer sein. Schluß. Punkt. Aus.

    Auf der Rückfahrt wurde ich beinahe zum unfreiwilligen Kamikaze in einer stark befahrene Einbahnstraße, reagierte aber schnell genug, und noch ehe Dick überhaupt Luft holen konnte, war ich wieder auf der richtigen Fährte. Es ärgerte mich allerdings maßlos, daß er die Sache anschließend so hinstellte, als hätte ich unbesonnen gehandelt. Ich war schließlich Anfänger!

    Ansonsten verlief der Rückweg ohne weitere Zwischenfälle. Ich mußte ein bißchen Slalom um parkende Autos fahren, was mir Gelegenheit gab, meine brillianten Fahrkünste unter Beweis zu stellen, aber wir kamen sicher und wohlbehalten bei Rebeccas Haus an.



    Madame erwartete uns bereits. Wir waren noch nicht ganz durch die Tür getreten, als Dick bereits begann, einen detaillierten Bericht des Tages vorzulegen, wobei er sich durchaus nicht scheute, auch die pikanteren Details zu erwähnen. Herzlichen Glückwunsch! Er führte mir souverän vor, daß ich ganz offensichtlich doch ein ehrbarer Idiot war. Glücklicherweise hatte er augenblicklich nicht viel Zeit, da er mit einem Kollegen verabredet war, doch trotzdem gelang es ihm in der kurzen Zeit, mir praktisch vorzuführen, wie er und Rebecca seiner Definition nach zueinander standen, so daß ich am Ende reichlich verwirrt mit ihr im Haus zurückblieb. Meine Laune sank bis ins Untergeschoß, denn von einem Moment auf den anderen hatte er mich ohne jede Vorwarnung überholt und die Führungsposition übernommen. Es kam zu unerwartet für mich nach diesem Tag in Leeds. Vielleicht hätte ich ihn doch knüppeln müssen?

    Jedenfalls war er nun fort, und ich lag im Wohnzimmer auf dem Sofa, während Rebecca im Flur herumwirbelte. Sie teilte mir mit, daß sie auf dem Weg ins Sonnenstudio sei. Ob ich vielleicht mitkommen wolle? Ich fragte erst mich und dann sie, was ich dort sollte, worauf sie sich neben das Sofa setzte und von Körperpflege im allgemeinen und Sonnenstudios im speziellen zu schwafeln begann. Sie fischte sozusagen im Trüben, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, worauf sie eigentlich hinauswollte, bemühte mich jedoch, ihr nach bestem Wissen und Gewissen zu antworten. Was mir allerdings einigermaßen schwer fiel, denn ich war ziemlich frustriert angesichts der Tatsache, daß meine Chancen so kurz vor Null zu standen. Außerdem war ich eifersüchtig auf Albert, mit dem sie spielte, und den sie mit Küssen überschüttete, wobei sie ein übers andere Mal betonte, wie sehr sie ihn liebe.

    He´s my Baby!, schwärmte sie, und rückte gleichzeitig immer näher zu mir heran.

    I really don´t wanna live without him. Oh Gott, dachte ich, wenn sie ihre gesamte Liebe der verdammten Katze gibt, bleibt für mich bestimmt kein Stück mehr übrig.

    Doch plötzlich, kurz nachdem sich jene kleine, graue Wand der Unstimmigkeit zwischen uns geschoben hatte, forderte sie mich aus heiterem Himmel auf, sie zu küssen. Es traf mich wie ein süßer Hammerschlag. Was um Himmels Willen soll denn das jetzt?, fragte ich mich, und wenn ich nur wenige Monate jünger gewesen wäre, hätte ich diese Frage wahrscheinlich sogar laut gestellt. Aber selbst ich war gelegentlich lernfähig, deshalb hielt ich meinen Mund zu und ihr hin. Ich nutzte die Gunst der Stunde und tat, wie mir geheißen war. Es wurde zwar nicht der leidenschaftlichste Kuß, den ich mir vorstellen kann, aber doch immerhin ein richtiger Kuß, in dem weder Verlegenheit noch falsche Scham lagen. Nur das unausgesprochene Endlich!, das sich seit Sonntag nachmittag aufgestaut hatte. Ich schaffte es gerade noch, auf die wiederholte Frage bezüglich des Sonnenstudios ein willenloses Ja von mir zu geben, dann packte mich die Höhenangst und es wurde verwirrender als Shit im Tee. Endlich hatte ich mein Ziel erreicht, aber was sollte ich jetzt tun? Wie konnte ich meine Fassung zurückgewinnen? Eine ganze Armee hämisch grinsender Fragezeichen baute sich vor mir auf und blickte mir angriffslustig ins Gesicht. Ich stand da und machte blöde Miene zum schlauen Spiel.

    Inzwischen standen wir vor dem Sonnenstudio, und sie wollte von mir wissen, ob ich mit rein käme.

    Nein, erwiderte ich freundlich, aber bestimmt. Ich mache lieber einen Spaziergang. Den habe ich jetzt nötig!, fügte ich nicht hinzu, denn es verstand sich von selbst.

    Sie ging hinein, und ich machte mich auf den Weg. Die seltsamsten Gedanken jagten wild durch meinen geplagten Schädel, und ich latschte entsetzlich nervös durch das abendliche Harrogate. Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wie es weitergehen konnte. Ich war am Ziel meiner Wünsche und stand doch erst am Anfang.

    Im übrigen spürte ich einen immensen Druck auf der Blase, der dermaßen dringend wurde, daß ich in einen äußerst vornehmen Laden reinspazierte, an dem ich gerade vorbeikam und der sich tea-room schimpfte. Einiger Hemmungen mußte ich mich zwar entledigen, aber ich mußte eben. Also ging ich an erstaunt blickenden, vornehm englischen, jungen Kellnerinnen vorbei zum Pott, der sich im Keller befand, der angenehm clean war, aber letztlich auch nicht besser als in irgendeinem Pub. Ein leichtes Grinsen konnte ich mir angesichts der vornehmen Umgebung nicht verkneifen.

    Mittlerweile war meine Zeit beinahe um, denn ich hatte mit Rebecca verabredet, daß ich sie nach zwanzig Minuten an eben der Stelle wiedertreffen sollte, an der wir uns getrennt hatten. Als ich kam, war sie noch nicht zu sehen, so daß ich Gelegenheit dazu hatte, noch schnell ein Zigarettchen zu rauchen ohne sie sehen lassen zu müssen, wie sehr meine Finger zitterten. Was würde geschehen? Was war mit Dick? Würde ich mit ihr schlafen? Wollte ich das überhaupt? Naja, wenigstens diese Frage erübrigte sich eigentlich, denn als ich ihr vor nicht einmal einer Stunde jenen legendären ersten Kuß gegeben hatte, war meine Hose schon eng geworden, ehe ich überhaupt ihre Lippen berührt hatte. Es schien eine gewisse Magie von ihr auszugehen, die ich in dieser Intensität nicht bei jeder Frau gespürt hatte. Wenn ich da an meine zaghaften Versuche innerhalb der letzten beiden Monate dachte...

    Als ich aufsah, stellte ich fest, daß sie bereits dastand.

    Sie lächelte. Ich lächelte ebenfalls. Wir küßten uns. Ich legte den Arm um ihre Schulter und mußte innerlich über mich selbst lachen, weil mir in diesem Augenblick einfiel, daß ich in letzter Zeit beinahe schon davon überzeugt gewesen war, daß ich für Frauen ihres Kalibers eine Nummer zu klein geraten sei. Sicher, ich mußte mich schon ein wenig anstrengen, aber ich schaffte es doch noch so gerade, den Arm um ihre Schulter gelegt zu halten, während wir nebeneinander hergingen.

    Dann wollte sie wissen, warum ich sie erst auf Aufforderung geküßt hatte, ob ich es etwa gar nicht gewollt hatte, ob ich sie nicht attraktiv fände, und weiß der Himmel was noch. Ich versuchte zu erklären, aber hier stieß ich langsam an meine sprachlichen Grenzen. Ich finde es schon im Deutschen schwer genug, über Gefühle zu reden - besonders über meine eigenen -, aber in einer fremden Sprache halte ich so etwas beinahe für ein Ding der Unmöglichkeit. Zum Glück begnügte sie sich mit meinen gestammelten Antworten.

    Es waren zehn Minuten zu gehen. Auf diesem Weg, kurz bevor wir in ihre Straße einbogen, kam uns von weitem eine unscheinbare Gestalt entgegen. Rebecca hatte - wie immer - aus Eitelkeit ihre Brille nicht auf und fragte: Ist es Dick?

    Nein, sagte ich, obwohl ich meine auf der Nase hatte, mußte mich jedoch wenige Schritte später korrigieren.

    What shall we do now?, fragte sie hilflos, und ich überzeugte sie davon, daß es nun galt, cool zu bleiben. Ich stellte klar, daß ich unter keinen Umständen bereit war, meinen Arm wegzunehmen, denn das hätte zweifellos wie ein Eingeständnis unserer Schuld gewirkt.

    Hello!, begrüßte ich ihn betont freundlich. Er sah reichlich geschlagen und verwirrt aus, und brachte es kaum fertig, mir zu antworten. Rebecca blieb so cool wie möglich und versuchte, Konversation zu machen, während ich - nach wie vor den Arm um ihre Schulter - wie ein ziemlich blöder Pudel neben den beiden hertrottete. Dick anzusprechen brachte ich nicht fertig, und die Verbindung zu Rebecca war sozusagen unterbrochen, da sie mit Dick beschäftigt war. Naja, es waren wahrscheinlich nicht einmal zwei Minuten, aber allzu wohl fühlte ich mich in dieser Situation nicht. Eher wie ein Schaf, das nicht weiß, ob es nur zur Schur oder gleich zum Schlachter geführt wird.

    Im Haus angekommen begannen Rebecca und Dick heftig zu diskutieren. Sie standen oben im Flur. Ich saß unten im Wohnzimmer und hörte ihre erhitzten Stimmen. Der einzige, der jetzt wirklich cool blieb, hieß Albert. Er war schwer damit beschäftigt, die kleine Zimmerpalme, die Rebecca von ihren Eltern zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, nach seinem Geschmack umzugestalten. Die groteske Situation schien ihm nicht das geringste auszumachen. Er arbeitete zielstrebig und zügig.

    Als das Geschrei vorüber war, kam Dick, der sich - wie ich neidlos anerkennen mußte - sehr gut im Griff hatte, die Treppe herunter. Ich stand gerade in der Küche und streichelte den kleinen Racker. Rebecca war noch oben. Dick vertraute mir leise flüsternd an, daß er sehr eifersüchtig sei, weil er Rebecca und mich Arm in Arm zusammen gesehen hatte. Er wüßte ja, daß wir uns schon so lange kannten und daß wir gute Freunde seien. Aber mehr doch nicht...? Ich sagte nichts. Schritte auf der Treppe. Er wurde panisch und beeilte sich, mir zuzuraunen, ich solle um Gottes Willen bloß vergessen, was er gesagt hätte und ihn auf keinen Fall an Rebecca verraten. Ich versprach es. Bruchteile einer Sekunde später schwebte sie herein, die Königin, und verkündete majestätisch, daß wir, also sie und ich, miteinander ausgehen würden. Dick, der ziemlich unfroh aussah, wünschte uns viel Spaß dazu.



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