"Rebecca"

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  • 4.Kapitel: Hochspannung

    Wir saßen nebeneinander im feuerroten Töfftöff. Ich hatte darauf bestanden, den Wagen zu nehmen, denn ich wollte auf diese Weise verhindern, daß Dick uns unbemerkt folgen konnte. Zugetraut hätte ich es ihm ohne jedes Zögern. So saßen wir also - ich am Steuer, sie neben mir, die Hand auf meinem Knie - in meinem bescheidenen Achtzylinder-Cabrio. Mein alter Photoapparat lag im Handschuhfach, und ich fuhr einfach der Nase nach. Ich fühlte mich wie ein über beide Ohren verliebter Schuljunge und drückte aufs Gas wie ein rasender Irrer. Seit geraumer Zeit hatte ich mir komplett abgewöhnt, mich anzugurten, denn ich wollte mich nicht länger von den Fesseln einer untergehenden Zivilisation einengen lassen. Dies war Teil meiner Philosophie. Ich hatte mir vorgenommen, das Leben zu genießen. Ich wollte so nah wie möglich dran sein an dem, was ich für wirkliches Leben hielt.

    Die Sonne glänzte in allen verfügbaren Goldtönen vom Himmel, und tauchte die Landschaft in märchenhafte Farben. Güldenes Korn, das herrlich in der Abendsonne schimmerte, prachtvoll grüne Bäume, ein rotes Auto. Alles ganz Technicolor. Ich wollte Rebecca in diesem warmen Abendlicht photographieren und teilte es ihr mit, aber sie war entschieden dagegen. Gut, dann sollte sie wenigstens ein Photo von mir schießen. Am besten während der Fahrt!

    Okay! Es würde zwar garantiert unscharf werden, da der Abstand nicht ausreichend war, aber was änderte das schon? Völlig unwesentlich! Sie klickte, und dann - vielleicht zweihundert Meter weiter - fuhr ich mit quietschenden Reifen links ran ins Grüne, riß die Fahrertür auf, beugte mich hinaus, und mit ihrem ausgesprochen zögerlichen Einverständnis machte ich ein Portrait von ihr, auf dem sie letzten Endes allerdings nicht sehr vorteilhaft aussah. Witzig ist das! Es ist immer so mit den Frauen, die sich für unphotogen halten. Erst lassen sie sich lange bitten, dann willigen sie unwillig ein, und am Ende wundern sie sich dann, wenn sie auf dem Photo nicht gerade wie die strahlende Prinzessin von nebenan aussehen. Womit sich ihre self-fulfilling-prophecy dann vollauf bestätigt. Übrigens - und das nur als Anmerkung: Rebecca ist tatsächlich nicht sehr photogen. In Wirklichkeit wirkt sie weitaus besser als auf allen Photographien, die ich von ihr zu Gesicht bekommen habe.

    Mit einem gelungenen Kavaliersstart sorgte ich dafür, wieder Asphalt unter die Reifen zu bekommen. Der Motor jaulte. Und die Straße war autofrei, so weit das Auge sah. Geradeaus! Irgendwohin! Ich kam mir wie volltrunken vor, und wenigstens dreimal kam ich tatsächlich von der Fahrbahn ab, wobei Rebecca jedesmal einen kurzen Entsetzensschrei ausstieß. Ich war mir nicht ganz schlüssig, ob es nun die blanke Angst oder das schiere Vergnügen war.

    Endlich rasten wir an einem Pub vorbei, von dem sie meinte, mit ihren Eltern an ihrem Geburtstag dort gewesen zu sein, und wir stoppten nach einem zugegebenermaßen etwas gewagten Wendemanöver. Wir enterten, setzten uns nach kurzem, einverständigem Blickkontakt an einen Tisch, der etwas verborgen in einer Nische um die Ecke stand und bestellten Bier. Wir rauchten. Und wir unterhielten uns in der Art und Weise, in der Verliebte es zu tun pflegen. Eine Welt voller rosiger Perspektiven. Was gestern grau und neblig aussah, ist heute Licht und Sonnenschein. Wir sprachen in hohen Oktaven über alles, was uns wichtig erschien, besonders über Liebe, Sex und Beziehungen. Ich war glücklich. Glücklicher als irgendwann in den vergangenen Monaten. Diesen Level hatte ich weiß Gott wie lange nicht mehr erreicht.

    In einer Atem- und Gesprächspause ging ich kurz zur Theke, um mir einen prawncocktail zu bestellen, für den es aber leider schon zu spät war, denn die Küche war bereits geschlossen. Ich orderte also statt dessen zwei weitere Biere. Als ich mit den Gläsern an unseren Tisch zurückkehrte, saß Rebecca auf meinem Platz und begutachtete den Inhalt meiner Jackentaschen. Mann, war ich froh, daß sich nichts Kompromittierendes darin befand - schließlich weiß man nie, wie eine Frau reagiert. Übrigens war es mir ganz recht, daß sie die Quittung für das Parfüm, das ich ihr von der Fähre mitgebracht hatte, nicht bemerkte. Wer weiß? Vielleicht wäre es ihr als zu teuer oder gar zu billig erschienen...

    Das aber nur am Rande. Statt wie zuvor gegenüber, setzte ich mich nun neben sie und stellte damit die Weichen für ein etwas körperlicheres Gespräch. Zwar hatten wir schon die ganze Zeit über gegenseitig angedeutet, wie heiß wir aufeinander waren, aber von diesem Moment an konnte man regelrecht die Funken sprühen sehen. Es bitzelte und knisterte in einer spürbar aufgeheizten Atmosphäre, und die beiden älteren Herrschaften am Nebentisch hätten schon blind und taub zugleich sein müssen, um nichts davon zu bemerken. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben sie sich blendend amüsiert.

    Wir hingegen befanden uns in Trance. Unser Gespräch verlief gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen. Während unsere Augen sich gegenseitig zuflüsterten: Komm, nimm mich! Küß mich! Schlaf mit mir!, redeten unsere Zungen über unsere ersten beiden Begegnungen vor acht und neun Jahren, wie verliebt ich gewesen war, was sie von mir gehalten hatte, wie wir uns jeweils mit unseren Eltern verstanden, welche Beziehungen wir gehabt hatten und und und. Währenddessen konnte ich hinter ihr schwarze Baumsilhouetten gegen einen wundervoll blauen Himmel sehen, wie selbst van Gogh ihn nicht hätte besser malen können. Ich war betäubt und betört und beinahe glücklich über den Umstand, meine Kamera im Auto liegengelassen zu haben, denn ich wollte nicht wieder den unverzeihlichen Fehler begehen, über das Festhalten eines tollen Augenblicks das eigentliche Erleben dieses Momentes zu vernachlässigen. Ein Fehler, den man niemals wieder ungeschehen machen kann. Ich hatte ihn einst begangen und wollte ihn möglichst nie wieder begehen.

    Währenddessen schmusten wir, bekamen feuchte knickers, küßten uns, und wurden dermaßen geil und horny aufeinander, daß ich schon dachte, wir müßten gemeinsam auf die Toilette verschwinden. Es knisterte eine Spannung zwischen uns, die in Volt gemessen bestimmt eine fünfstellige Zahl ergeben hätte. Und damit bin ich durchaus bescheiden!

    Es war Sternennacht und Leuchtkäfer. Und immer wieder dieses Blau, so oft ich aus dem Fenster blickte. Ein Blau, so königlich und wundervoll, daß mir bewußt wurde, wie göttlich ein Augenblick sein kann, wenn man ihn in der richtigen Gesellschaft erlebt. Ich konnte meine Augen kaum abwenden - außer natürlich, um sie küssend zu schließen.

    Wir schwebten ungefähr dreißig Zentimeter über dem Boden, und als wir langsam wieder auf denselben zurückkamen, bemerkten wir, daß die Kerle vom Nebentisch verschwunden waren. Auch das Personal schien wie weggezaubert. Man sah und hörte nichts mehr, so daß Rebecca schon befürchtete, wir könnten eingeschlossen worden sein.

    Was soll´s?, grinste ich. Mir ist es nur recht! Dann kann ich Dich hier und jetzt genüßlich verspeisen. Sie lachte, und wenn ich sie nicht besser kennengelernt hätte, würde ich ihr Lachen als verlegen bezeichnen. Tatsächlich schien diese Vorstellung auch ihr zu behagen. Doch wie das so ist: Selbstverständlich hatten wir nicht so viel Glück. Statt dessen bezahlten wir an der Theke und wünschten allen Übriggebliebenen eine gute Nacht.

    Auf dem Weg heimwärts fuhr ich etwas vorsichtiger als auf der Hinfahrt, so daß wir sicher und wohlbehalten bei ihrem Haus ankamen. Es war spät geworden, und ich bemühte mich, keinen unnötigen Radau zu verursachen, was sich allerdings als unnötig herausstellte, da Rebecca problemlos Lärm für zwei machte. Dick konnte uns unmöglich überhören.

    Behutsam zerrte ich sie in die Küche, wo ich ihr noch einige extradicke Küsse verpaßte, während sie an meinem Hinterteil herumfingerte. Es lag auf der Hand, daß wir in diesem Augenblick dasselbe dachten, aber ebenso klar war auch, daß es ein schöner Traum bleiben würde, solange Dick im Haus war. Als ich mir dessen bewußt wurde, bekam ich große Lust, ihn mit Pauken und Trompeten zum Teufel zu wünschen. Rebecca löste sich unterdessen aus meiner Umarmung und meinte nervös, dieser Abend gehe allmählich über ihre Kräfte. Sie warf mir im Hinausgehen noch eine Kußhand zu und entschwand dann - für ihre Verhältnisse - leise über die Treppe nach oben. Ich lauschte noch einen Moment lang, löschte dann die Lichter und machte mich schließlich ebenfalls auf den Weg in mein Zimmer.

    Als ich im Bett lag, stellte ich mir vor, daß Dick - rasend vor Eifersucht und blind vor Wut - zum Küchenmesser griff und die Beherrschung verlor. Es kostete mich einige Mühe mir klarzumachen, daß die garstigen Bilder, die sich vor meinem geistigen Auge abspielten, genauso lächerlich seien wie alle blutrünstigen Vorstellungen, die mich in derartigen Situationen zu befallen pflegten. Aber was nützt einem schon der Geist, wenn die Phantasie verrückt spielt?

    Abgesehen davon malte ich mir aus, daß sie plötzlich in meinem Zimmer auftauchte und zu mir ins Bett kroch. Es war eine wunderschöne Vorstellung, die meine Reproduktionsdrüsen dermaßen auf Trab brachte, daß ich am Ende des Liedes im nassen Bett nächtigen mußte.



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