Kurzgeschichte:

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  • "Alte Liebe Rostet Nicht"

    Vor mir liegt eine beinahe endlose Landschaft, die bis zum Horizont wie zerschnitten scheint durch zwei parallele eiserne Stränge, die auf Tausende dazu senkrechte Holzbalken geschraubt sind. Es handelt sich um eine Strecke, die ich schon seit über dreißig Jahren kenne, und die mir niemals ernsthafte Schwierigkeiten bereitet hat, obwohl die Zeichen der Zeit mittlerweile auch an mir ihre Spuren hinterlassen haben. Schließlich bin ich nicht mehr die Jüngste, und obwohl mein einst glänzend schwarzes Kleid meinen Körper noch ebenso eng umhüllt wie vor dreißig Jahren, ist es inzwischen an einigen Stellen als rötlich-braun zu bezeichnen - ein Alterungsprozeß, der vor nichts halt macht, das der Mensch je aus Eisen erschaffen hat.

    Ach ja, damals, als ich meine Jungfernfahrt bei der Deutschen Reichsbahn antrat, in frischem, schwarzen Lack und mit den stolzen Ziffern "01 196-9" auf der Brust, da war von Rost noch nichts zu spüren. Ich kam frisch aus dem Werk, und gehörte zur Baureihe "2´C1´", was ganz einfach bedeutet, daß ich vorne zwei bewegliche Laufachsen, dann drei angetriebene und noch eine schwenkbare Achse besitze, womit ich insgesamt auf die stolze Länge von rund fünfundzwanzig Metern komme. Nicht zuletzt deswegen gelte ich bei vielen Verehrern als Inbegriff der deutschen Schnellzug-Lokomotive.

    Doch genug der Sentimentalität; schließlich ist heute ein solch herrlich strahlend sonniger Wintermorgen wie ich ihn nur selten in all den Jahren erleben durfte, und auch die Luft ist wunderbar trocken und angenehm kühl, daß es mir ganz warm um den Kessel wird. An solch einem Tag, da fahre ich nicht über die Schienen, nein, da schwebe ich, da fliege ich geradezu über sie hinweg. Frei wie ein Vogel. Ohne festgelegte Strecke und ohne Fahrplan - welch herrliche Illusion.

    In diesem Augenblick vernehme ich die Stimme von Jean, dem Lokführer, einem gut gebauten Maschinisten in den besten Jahren, der - halb Franzose, halb Deutscher - schon seit bestimmt drei Millionen Kilometern im Führerhaus steht, und jetzt, mit immer noch recht sanfter Stimme, zu mir sagt:

    Na, Mädchen, ist das nicht ein wundervoller Tag?

    Er murmelt noch ein paar Worte, die leider im rhythmischen Stampfen der Kolben untergehen. Schade, denke ich, wo ich mich so gerne von seinem wohlklingenden Baß umschmeicheln lasse. Aber jetzt schweigt er, und ich bin glücklich, denn einen Lokführer wie Jean lernt man nur einmal im Leben kennen, und wie sollte ich nicht darüber glücklich sein, daß wir nun schon seit fünfundzwanzig Jahren zusammen fahren?

    Während ich über eine schmale Brücke rolle, die über einen schmutzigen, kleinen Fluß führt, wird die Sonne für einen Augenblick von einer dunklen Wolke verdeckt, und entsprechend verdunkelt sich auch meine Stimmung ein wenig, denn ich muß an die Elektrolok denken, von der Jean in letzter Zeit immer häufiger spricht. Ich bin bloß froh, daß er sie am heutigen Tag noch mit keinem Wort erwähnt hat, denn wenn er auch noch so oft beteuert, um wieviel ihm seine gute alte Dampflokomotive lieber sei, bleibt doch immer ein schales Gefühl der Ungewißheit bestehen. Als die Sonne nach zwei Minuten wieder vom Himmel strahlt, sind diese unangenehmen Gedanken bald verschwunden, und ich konzentriere mich auf meine vorderen Treibräder, von denen eines in letzter Zeit immer wieder durchrutscht. Da ist eine Überholung fällig. Ich frage mich, ob Jean es bemerkt hat.

    Inzwischen sind wir im nächsten Bahnhof eingelaufen. Die Räder stehen still und die Türen offen. Passagiere beschweren sich, daß wir fünf Minuten Verspätung haben, und trödeln dann selbst beim Einsteigen, so daß wir vermutlich auch am nächsten Bahnhof zu spät sein werden. Aber der Kunde ist König, der Passagier hat immer recht. Ein kurzer Pfiff ertönt, die letzte Tür schließt sich, und wenige Sekunden später setzt der stetig treibende, unbeirrbar regelmäßige Rhythmus der Räder, Kolben und Zylinder wieder ein und spielt das Lied der Rastlosigkeit - eine Symphonie von unvergleichlicher Dynamik und Präzision.

    Ich strebe vorwärts, Kilometer für Kilometer, und es scheint beinahe, als fräße ich alle jene Querbalken, auf denen die Schienen montiert sind. Aber sie verschwinden nur zum Schein, tatsächlich lassen wir sie hinter uns, und sie warten nur darauf, morgen erneut gefressen zu werden - wenn auch in entgegengesetzter Richtung. In Wirklichkeit verzehre ich übrigens etwas völlig anderes. Es ist etwas, das schwarz und in der Sonne glänzend auf dem Tender liegt, und das Heinz, der Heizer, mir schaufelweise in den Rachen, will sagen in die Feuerung, wirft: Es ist Kohle, vor Jahrmillionen entstanden, in Minuten verbrannt und oxidisch in die Luft geblasen. Für eine Dampflokomotive kann es nichts Köstlicheres geben.

    Während ich mich schmatzend und schnaufend über die letzte Schaufel hermache, erblicke ich von weitem, etwa zwei Kilometer entfernt, die Diesellok, die ich an dieser Stelle jeden Tag zu sehen bekomme. Jean ruft vom Führerstand herunter:

    Da ist sie, altes Mädchen. Siehst Du sie? Sie steht schon auf der Ausweichstrecke!

    Ich sehe sie, und ich muß zugeben, es ist ein angenehmes Gefühl, daß diese unförmige, schmutzig-rote Diesellok mir, einer pechschwarzen, älteren Dampflokomotive, den Vortritt lassen muß. Aber schließlich ist sie auch bloß im Güterverkehr tätig, und da kann man schließlich nichts Besseres erwarten.

    Wir haben drei Minuten aufgeholt. Jetzt sind es noch neun Minuten bis zum nächsten Bahnhof. Nur schade, daß die Fahrgäste das sicher nicht zu würdigen wissen.

    Als wir wenige Minuten später auch diesen Bahnhof hinter uns gebracht haben, ist es bereits Mittagszeit. Jean und Heinz essen ein paar Brote, eine Tomate und dazu noch einige Mandarinen, während ich bei meiner Lieblingsspeise bleibe. Die Sonne lacht nach wie vor, und auch die Kühe, die dort rechts faul auf der Wiese stehen, und die, als wir vorbeifahren, genau so dumm dreinblicken wie jeden Tag, scheinen sich ihres Lebens zu erfreuen. Jedenfalls sieht es nicht so aus, als dächten sie gerade über ihren Tod nach, der sie vielleicht schon übermorgen, vielleicht aber auch erst in zehn Jahren ereilen könnte - je nach den Preisen für Leder und Kalbfleisch. Manchmal kommen mir schon komische Gedanken in den Sinn, das gebe ich zu, aber in diesen Zeiten, in denen man praktisch ständig Diesel- und Elektroloks zu Gesicht bekommt, kann man schon ein wenig ins Grübeln kommen, oder?

    Das linke Treibrad bereitet mir Probleme. Immer häufiger rutscht es durch. Hoffentlich merkt Jean das nicht. Aber irgendwann muß es ihm doch auffallen. Ich mache mir ziemliche Sorgen.

    Manchmal frage ich mich, warum ich eigentlich nicht einfach die Fahrt genießen kann. Blauer Himmel, eine nach wie vor scheinende Wintersonne - da könnte man doch vor lauter Glück glatt aus den Schienen springen - oder wenigstens die Dampfpfeife in den höchsten Tönen klingen lassen. Aber leider war es mir selten vergönnt, das Glück in vollen Zügen zu genießen. Das habe ich nie gekonnt. Immer habe ich den glücklichen Augenblicken mißtraut, immer habe ich mich dagegen gewehrt, mich einfach fallen zu lassen und glücklich zu sein. Warum eigentlich? Wenn ich das bloß wüßte.

    Andererseits habe ich letztlich auch meistens recht behalten. So auch in diesem Fall, denn plötzlich höre ich Jean ärgerlich ausrufen:

    Verdammt, da ist doch was mit den Kolben nicht in Ordnung!

    Diesmal hat er keine tröstenden Worte für mich parat. Er ist schlicht und ergreifend wütend, wahrscheinlich weil er befürchtet, wir werden den Fahrplan nicht einhalten können. Sicher, so etwas ist in den vergangenen Jahren gelegentlich vorgekommen, aber es ist eben etwas anderes, ob es bei einer jungen, dynamischen Elektrolok geschieht oder bei einer rostigen, alten Dampflokomotive. In meine Gefühle mischt sich eine unbestimmte Portion Angst, wie es weitergehen wird.

    Unterdessen hat Jean den Befehl gegeben, am nächsten Signal stehenzubleiben, und seitdem hat Heinz kein einziges Stück Brennstoff mehr ins Feuer geworfen, so daß mein Atem immer schwachbrüstiger wird, und wir schließlich keine fünf Minuten später zum Stehen kommen.

    Jean springt mit einem Satz vom Führerstand und betrachtet die Misere. Leider ist es schlimmer, als ich gedacht hatte. Nicht nur, daß die Treibräder überholt werden müssen. Auch die Kolben sind ausgeschlagen. Oh je, das kann dauern, so viel weiß ich aus langjähriger Erfahrung. Wie gesagt, es ist nicht das erste Mal, daß wir in eine solche Situation geraten.

    Mittlerweile rutschen die Fahrgäste voller Nervosität auf ihren Samtsitzen hin und her. Verständlich, sie sind ärgerlich, weil sie Termine versäumen, Anschlußzüge verpassen oder vielleicht zu spät zum Rendezvous kommen werden. Die Mannschaft wird verlegen sein, wenn sie den aufgebrachten Passagieren vorzuschwindeln versucht, die Fahrt gehe in wenigen Minuten weiter. Oder vielleicht versuchen sie das nicht einmal? Wer weiß?

    Inzwischen hat Jean vom Signaltelephon aus Kontakt mit dem Betriebswerk aufgenommen. So wie ich es mir vorstelle, wird bald eine Antwort zu erwarten sein. Das hoffe ich jedenfalls. Diese Hoffnung stellt sich leider wenig später als trügerisch heraus, denn unser Fall gestaltet sich wesentlich komplizierter als ich angenommen hatte. Es vergeht eine geraume Zeit, in der ich nicht den Eindruck habe, daß irgendetwas geschieht. Immerhin hat Jean inzwischen Order gegeben, daß wir bis zum nächsten Bahnhof weiterfahren, damit der Zug an eine Ersatzlok angekoppelt werden kann. Ich nehme an, wir werden dort auf weitere Anweisungen warten müssen. Ich hoffe bloß, daß Jean mir diese dumme Geschichte nicht übel nimmt.

    Mittlerweile steht der Kessel wieder unter Dampf, die Pfeife ertönt, und wir setzen uns langsam in Bewegung. Es macht etwas Mühe mit dem immer wieder durchrutschenden Rad, aber es geht. Ich fühle mich invalide und bin heilfroh, daß wir nicht schnell fahren, denn es ist etwas mühsam, ich sagte es ja schon. Wir fahren jetzt etwa halb so schnell wie gewöhnlich. Leider beginnt es schon, dunkel zu werden. Tja, der Rhythmus ist gemächlicher, die Dynamik könnte man sicher als stockend bezeichnen, aber schließlich, nach etwa zwanzig Minuten Fahrt, erreichen wir den kleinen Vorortbahnhof. Die Leute murren, sind aber gleichzeitig auch wie erlöst, als die Waggons abgekuppelt werden und die Ersatzlok eingesetzt wird, während ich weiterfahre in Richtung Betriebswerk. Einige Stunden später bin ich bei meinem Heimatbahnhof angelangt, und werde dort noch in den Abendstunden von einem Betriebsinspektor auf Herz und Nieren geprüft. Dabei stellt sich heraus, daß mein Kessel zu allem Überfluß auch noch eine beträchtliche Anzahl von Haarrissen aufweist. Der Inspektor ist sehr ernst, und die Worte, die er in seinen Bart murmelt, klingen wenig beruhigend. Als er fertig ist, fällt mir ein, daß Jean bereits ohne ein Wort des Abschieds verschwunden ist, wahrscheinlich um sich ein Hotelzimmer zu besorgen. Eine ungewisse Nacht steht mir bevor.

    Der nächste Morgen ist nicht halb so sonnig und angenehm wie der vorhergegangene. Statt trockener Luft herrscht feuchter Nebel, statt leuchtenden Farben bestimmen Silhouetten und Grautöne das Bild. Ich habe zwar nicht geschlafen, denn Lokomotiven schlafen nicht, aber ich habe ein unaussprechlich tiefes Gefühl der Einsamkeit in mir gespürt. Ein Gefühl, bei dem sich mein Kessel zusammenzieht, wenn ich nur daran denke. Ob Jean auch mich vermißt hat?

    Als der Wind neun Schläge der Kirchturmuhr aus der Ferne herüberweht, nähern sich zwei Männer, die beide schmutzige, blaue Overalls tragen und nach altem Öl riechen. Der eine von beiden sieht recht nett aus, aber der andere, der so aufgesetzt fröhlich ein kurzes Melodiefragment flötet, ist mir entsetzlich unsympathisch.

    Er stellt sich vor mich, sieht mich schief an, und trompetet in Richtung seines Kollegen, der offenbar der Heizer ist:

    Da isse! Das gute alte Stück. So übel siehtse eigentlich ganich aus, oder?

    Der so angesprochene erwidert nachdenklich:

    Im Grunde isses eine Schande. Da hat se zweiunddreißig Jahre lang brav und zuverlässich ihrn Dienst verrichtet, und nun soll se mir nichts dir nichts einfach verschrottet wern. Es kann eim inner Seele weh tun. Vor allem, wemman bedenkt, daß vielleich geradema noch vierzehnhunnert von den Dingern laufen.

    Quatsch! meint der Unsympath, Jetzt werd bloß nich noch sentimental! Dassis einfach ´n Haufen Alteisen, der aufn Schrott soll. Da kamman überhaupnix machen!

    Oh Gott, nein, das darf nicht wahr sein, denke ich. Jetzt ist alles aus! Und nur wegen dieses verflixten Treibrades. Die Gedanken und Gefühle schießen wild durcheinandergewürfelt durch mich hindurch. Sie drehen sich so schwindelerregend schnell um eine nicht vorhandene Achse, daß ich größte Mühe habe, einige davon aus dem Trüben herauszufischen. Das Treibrad, der Fahrplan. Da der Gedanke an Jean. Weiß er es? Wird er mich retten? Oder hat er mich einfach verlassen und ist nun bei seiner Elektrolok? Das darf doch alles nicht wahr sein!

    Mitten in diesem Wust von wirren Gedanken, schmeißt der Heizer einige Schaufeln Kohle in die Feuerung. Ein letztes Mal wird Dampf durch die Kammer gejagt, die Pfeife zum Pfeifen und der Schornstein zum Rauchen gebracht. Ich trete meine letzte Fahrt an. Die Fahrt zum Friedhof, zum Schafott, zum Schrottplatz. Eine Dampflok auf dem Weg in Nirgendwo. Ich spüre ein Gefühl der Sinnlosigkeit in mir. Warum muß ich auch jetzt noch meinen Dienst brav verrichten? Warum kann ich nicht explodieren und in tausend Einzelteilen in die Luft fliegen? Oder wenigstens von einer Rangierlok zur Hinrichtung gezogen werden? Doch auch Jesus mußte sein Kreuz schließlich selbst schleppen, und sicherlich hatte er mehr Mühe unter dieser Last als ich mit Hilfe von zweitausend induzierten Pferden auf meiner letzten Fahrt habe, die mir so unsäglich langsam und quälend vorkommt, obwohl sie in Wirklichkeit vielleicht gerade vierzig Minuten dauert.

    Als ich auf den Friedhof der Eisenbahnen fahre und links und rechts die alten, verrosteten Rauchkammertüren in der Gegend verrotten sehe, muß ich wieder an Jean denken. Ich fühle mich verraten und verkauft von ihm. Ich bin von Dir enttäuscht, hörst Du? Ohne mit der Wimper zu zucken hast Du mich buchstäblich zum alten Eisen geworfen. Du hast mir keine Chance gelassen, obwohl ich noch jahrelang meinen Dienst hätte verrichten können - zur Zufriedenheit aller. Auch wenn es immer schwieriger würde, passende Ersatzteile für mich zu bekommen. Aber ich passe eben nicht in diese Zeit, in der Schönheit und Gefühl nur noch leere Worte sind, die von Begriffen wie Leistung, Rentabilität und Zeitgeist längst abgelöst worden sind. Ich bin bloß noch ein Anachronismus, bin nicht mehr konkurrenzfähig. Ich habe eben Pech.

    Die beiden Männer in den ölverschmierten, blauen Overalls rauchen noch eine Zigarette. Sie inhalieren und genießen den wohltuend beruhigenden Rauch und erwähnen mit keinem Wort, daß die alte Lokomotive eben zum letzten Mal geraucht hat. Statt dessen gehen sie in Richtung der Pforte, die sich gleich hinter ihnen schließen wird, ohne sich umzudrehen. Aber als sie am Tor angekommen sind, riskiert der Heizer heimlich einen kurzen Blick. Schweren Herzens versucht er sich klarzumachen, daß in dieser Zeit, in der selbst Gottvater längst von der Macht des Geldes abgelöst worden ist, kein Platz mehr bleibt für eine majestätische Pracht wie die 01.


    © Copyright 1998, Olaf Kohlmann. This work may not be reproduced in any form without the written consent of the author.