| "Erfolg" Über Nacht war der Erfolg gekommen, und er hatte nicht etwa zaghaft an die Tür geklopft und demütig um Einlaß gebeten, sondern war laut und polternd eingebrochen, hatte ihn überrumpelt und überrollt und ihm Gefühle ins Blut geschossen, die er in dieser Art nie vorausgesehen hätte. Gefühle, die sich derjenige, der bloß vom Erfolg träumt, der ihn aber nie selbst gekostet hat, nur sehr schwer vorstellen kann, denn es sind einsame Gefühle - glanzlos und ohne Glamour. Gefühle der Unsicherheit und Isolation - gepaart mit dem beunruhigenden Gefühl der eigenen Wertschätzung. Kurz und gut: die ganze Flutwelle des plötzlichen Erfolges war ohne Vorwarnung über ihm zusammengebrochen und hatte ihn zutiefst verunsichert zurückgelassen, ohne dabei sichtbare Spuren hinterlassen zu haben. Es waren Tage des Triumphes und Nächte des Horrors, die er durchlebte, ohne sie mit jemandem wirklich teilen zu können. Des Nachts schlichen sich hinterlistige Todesboten und monströse Ungeheuer, die ihn schreiend aufwachen ließen, in seine Träume, während seine Tage das fröhliche Lied der eigenen Unfehlbarkeit sangen. In glänzenden Farben bewiesen sie ihm wieder und wieder aufs Neue, daß seine Bemühungen und Überzeugungen nicht umsonst gewesen waren, denn schließlich waren seine kühnsten Träume Wirklichkeit geworden. Sicher, es hatte nie jemand behauptet, daß es einfach sein würde, aber daß es so schlimm sein könnte, hatte er sich nicht vorgestellt. Jetzt war es zu spät. Der Samen war gesät, die Früchte wurden geerntet. Es gab kein Zurück mehr; nur das Vorwärts in eine gewisse Zukunft. Geprägt von einem neuen Selbstwertgefühl und der gleichzeitigen Unsicherheit der eigenen Identität. Viele waren daran zerbrochen, das wußte er. Besonders diejenigen, die am ernsthaftesten danach gestrebt hatten. Und das hatte er eigentlich nicht einmal. Nein, tatsächlich. Ihm hätte es wahrscheinlich genügt, regelmäßig einmal im Jahr zwei Wochen lang ins Studio zu schlendern, schnell eine Platte zu machen, die dann von fünfzigtausend resonanten Seelen geschätzt und gekauft würde, und den Rest des Jahres 'on the road' zu verbringen. Im Scheinwerferlicht, geliebt von einigen hundert wenigen und angezündet, um lichterloh in der Dunkelheit zu brennen und zu verglühen. War das zuviel verlangt? Anscheinend schon. Gott und das Schicksal hatten ihm seine persönliche Hölle geschickt, indem sie ihn hatten über sein Ziel hinausschießen lassen wie weiland Ikarus. Er war der Sonne nah gekommen, zu nah, und hatte sich die Finger verbrannt. Das Eis war geschmolzen und hatte eine Lawine ausgelöst. Das Unglaubliche war geschehen. Das 'royal flash'. Genau das, für das jeder Boß einer Plattenfirma seinen Vater verkaufen würde. Bloß daß es meistens nicht die Väter der Plattenbosse sind, die ihre Haut zu Markte tragen müssen, wenn plötzlich eine Massenhysterie ausbricht, sondern die Musiker, die im Schweiße ihres Daseins im Rampenlicht stehen. Es sind diejenigen, die sich öffentlich prostituieren, selbst wenn sie es gut getarnt unter dem Deckmantel der harten Männlichkeit versuchen. Alle Jahre wieder ist es so weit, daß ein neuer Held der Plattenindustrie geboren wird, der entdeckt, aufgebaut, verschlissen und ausgepreßt wird. Meistens gehört nicht einmal viel Überzeugungskraft dazu, den Held zum Griff nach den Sternen zu verleiten, denn wer hätte schließlich nicht schon immer vom großen Erfolg geträumt, wenn nicht der potentielle Held? Doch wenn er dann zuschlägt, der Erfolg, kommt es zum bitteren Erwachen, denn geliebt wird man nicht kollektiv - und schon gar nicht aus den falschen Gründen. Steht man erst unerreichbar im sengenden Rampenlicht, dann fällt einem plötzlich ein, daß das, wofür man von Tausenden begehrt wird, vielleicht gar nicht dem eigenen Charakter oder Talent entspricht. Plötzlich wird man sich klar, daß man eigentlich gar kein Musiker sein möchte, sondern vielmehr ein singender Poet und gleichzeitig bemerkt man, wie schwer es ist, als solcher akzeptiert zu werden. Selbst in einer Zeit, in der die Menschen ihre Geschichten nicht mehr in Büchern lesen, ist die schreibenden Zunft eine gewisse Elite, zu der nicht jedem der Zutritt gestattet wird. Vielleicht ist man auch Schauspieler und versucht sich nun als Regisseur. So mancher träumte zuerst den Traum, im Lichte der Scheinwerfer auf der Bühne zu stehen und vom Publikum angehimmelt zu werden. Doch dann realisiert man, daß es doch eigentlich viel mehr kreative Kraft erfordert, selbst an den Fäden zu ziehen und hinter den Kulissen zu agieren. So oder so. Sicher ist nur, daß der moderne Held selten unter den stillen Sternen der Wissenschaft, Literatur oder Malerei geboren wird, sondern vielmehr in den bizarren Welten des Films, des Laufstegs, des Sportes oder der Politik. Die modernen Genre der Phantasie. Schließlich muß es Helden geben, auf die Millionen und Legionen farbloser Menschen ihre bunten Träume projizieren können und deren Bilder sie in ihrer Einbildung durch ihre eigenen ersetzen können. Kurz gesagt: irgendwo müssen sie herkommen, die leibhaftigen Traumbilder, die das Ersatzleben für Abertausende frustrierter Durchschnittsbürger führen, die im täglichen Kampf ums Überleben das eigene Leben aus den Augen verloren haben. Diejenigen, die erst um zwölf zur Party kommen, dann, wenn die Stimmung richtig gut ist und die sich das ganze Jahr über auf ihren Urlaub freuen, weil ihnen ihr wirkliches Leben nichts zu bieten hat. Und die gleichen Leute ahnen dann, wenn sie schließlich auf Reisen sind, daß sie einfach das Genießen verlernt haben und deshalb sparen sie schon hier und jetzt, auf dieser Reise, an den kleinsten Kleinigkeiten, denn vielleicht, ja vielleicht, schaffen sie es ja dann im nächsten Jahr sich zu amüsieren. Und dafür kann man gar nicht früh genug zu sparen anfangen. Sein Problem bestand darin, daß er sich dieser Zusammenhänge nur allzu bewußt war. Zwar konnte er versuchen, den coolen Künstler mit der Zigarette im Mundwinkel zu spielen, hatte aber dabei ständig das unheilvolle Gefühl, seine Anhänger zu betrügen - und am allermeisten sich selbst. Das war nicht wirklich er, der da auf der Bühne stand, sondern nur ein schlaffes Abziehbild seiner selbst. Selbst wenn seine Konzerte im Vergleich mit anderen wirklich so gut waren, wie überall zu lesen war - schließlich gab er ja auch Abend für Abend sein bestes - so haftete doch immer in seinem Bewußtsein, daß er einfach nicht gut genug war. Denn einer blieb stets unbefriedigt - und das war er selbst. Er war offensichtlich einfach zu intelligent, er hatte zu sehr nachgedacht und die Mechanismen durchschaut. Dieses alberne Spielchen mit den zertrümmerten Hotelzimmern, kam ihm beispielsweise einfach blöd vor. Oder der Mythos des Sex und Fuck und Rock'n'Roll: Es war ein hohles, abgegriffenes Klischee - Jahr um Jahr erneut erfolgreich von geistigen Tieffliegern reproduziert, die er nicht einmal mit der Kneifzange angefaßt hätte. Seine Kollegen. Ha! Vor nicht einmal zwei Jahren hätten sie ihn hochkant rausgeschmissen, wenn er um Einlaß gebeten hätte; heute klopften sie in Scharen an seine Tür und begriffen nicht, daß er derselbe geblieben war und sich um keinen Zentimeter verändert hatte. Daß er der gleiche einsame Steppenwolf geblieben war. Doch das ist eine andere Geschichte. Er selbst hatte sich sehr erfolgreich eines Klischees bedient. Dem der Betäubungsmittel, von einigen Leuten auch als Drogen gebrandmarkt. Drogen, die dem Normalbürger verschlossen blieben, weil sie mühelos in wenigen Monaten einen Sportwagen, ganze Zimmereinrichtungen oder Schallplattensammlungen verschlingen konnten. Das Problem der Unerschwinglichkeit teilte er nicht mehr. Sein Problem war vielmehr, daß die Droge ihn zu verschlingen drohte. Die Droge, sein Trost und sein Asyl, zu dem er Zuflucht suchte, wenn er sich von der feindlichen Welt blinder Verehrung retten wollte, wenn diese ihn zu vereinnahmen drohte. Die Droge hatte ihn manches Mal errettet, doch der Preis dafür war noch nicht bezahlt. Er lächelte. Heute war er ein Held, schon morgen könnte er ein Arschloch sein - oder ebensogut auch unsterblich wie jener illustre Club derjenigen, die an ihrer ersten echten Lebenskrise trotz oder wegen ihres Erfolgs gescheitert waren und die durch einen frühen Tod in den Olymp der Unantastbarkeit aufgenommen worden waren. Er hatte kein Held sein wollen, jedenfalls kein überdimensionaler Superheld. Ebensowenig hatte er allerdings ein Arschloch sein wollen oder unsterblich. Wie man es nahm. Alles kam immer ganz anders. Gewissermaßen ging es ihm wie Adolf Hitler, dem es vermutlich gelungen war, zur einflußreichsten Person des zwanzigsten Jahrhunderts zu werden, ohne daß er nur ein einziges seiner erklärten Ziele erreicht hätte. Nun ja, Vergleiche mit Hitler gehören natürlich nicht zum guten Ton. Ein Glück, daß niemand da war, der seine Entgleisung hätte protokollieren können. Aber ab morgen wäre da wenigstens ein Punkt, der den Vergleich rechtfertigte. Er holte tief Luft und streckte seine Glieder auf dem Bett aus, auf dem er lag. Er war halbnackt, nur bekleidet mit einem langen, weißen T-Shirt und einer Unterhose. Er nahm einen langen Zug von der Zigarette, die er in der linken Hand hielt und war sich bewußt, daß er in seinem eigenen Klischee gefangen war. Drogen gaben ihm eigentlich nicht viel, wenn er ehrlich war. Die Zigarette schmeckte ihm nicht im eigentlichen Sinne gut. Im Grunde mochte er sie nicht, aber irgendetwas in ihm veranlaßte ihn zu rauchen und sich an der Zigarette festzuhalten. Ein Gefühl der Geborgenheit ging von ihr aus. Wie eine Tasse Kaffe, die heiß aus dem Becher dampft und die nicht eigentlich gut schmeckt, die aber ein Gefühl von angenehmer Wärme vermitteln kann. Oder der Alkohol. Im Grunde mochte er das Gefühl nicht, das er spürte, wenn sich der Alkohol seines Gehirns bemächtigte. Er haßte es regelrecht, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren, und verachtete jene zutiefst, die dies permanent mit sich geschehen ließen, weil sie seiner Meinung nach zur Unterwürfigkeit und zum Sklaventum neigten. Er persönlich hatte nie zu dem hohen Prozentsatz der Geführten gehört, ebensowenig aber auch zu den Führern. Statt dessen zählte er sich zu jener vereinzelten Rasse, die weder der einen noch der anderen Richtung angehörten. Menschen, die versuchten unbeeinflußt zu handeln, selbst zu denken, ihren eigenen Gesetzen gehorchten und an die Macht der Logik glaubten. Blödsinn! sagte er zu sich selbst. Macht der Logik! Die Macht liegt in der Dummheit und Vermessenheit, nicht in der Logik. Man kann die Menschen von allem möglichen Blödsinn überzeugen, nur nicht von der Logik und der Wahrheit. Die Christen haben ihren Erlöser gekreuzigt, und wenn heute jemand ernsthaft versuchen würde, die Menschen zu befreien, würden sie ihn bestenfalls dafür hassen, denn sie sind Führer und Geführte, nicht aber bereit, für sich selbst verantwortlich zu sein. Sie folgen dem Urteil anderer blind und plappern populäre Meinungen unbedacht nach. Sie kleiden sich wie Clowns und stellen nicht einmal fünfundzwanzig Jahre später, mit den Beweisphotos in der Hand, fest, daß sie wie Idioten ausgesehen haben. Und wenn es noch so offensichtlich ist. Doch der einzelne, derjenige, der denken kann und will, kann sich anstrengen wie er will, und wird doch immer wieder gegen dieselbe Wand rennen. Er wird nicht in den Genuß kommen, seine Mitmenschen zum Denken zu bewegen. Statt dessen bleibt ihm nur, resigniert die Pose einzuüben, die für ihn selbst das Seht her! Ich gehöre nicht dazu! Ich mach den ganzen Scheiß nicht mit! symbolisiert. Doch vielleicht wird er von den anderen sogar dafür geliebt werden - weil er ja ach so rebellisch ist. Und wenn er auch seine Verzweiflung und seinen Haß aus voller Kehle herauszubrüllen vermag, wird es ihm doch nie gelingen, sich verständlich zu machen. Man wird ihn mißverstehen, wird sein Gehabe für eine Pose halten, denn alles andere, was man tut und sieht ist ja auch eine Pose. Es muß ja eine Pose sein, weil schon so viele vor ihm irgendwann genauso posiert haben. Die Chancen sind also gleich Null. Wenn er sich auch heute die Kugel gibt, weil er keinen Ausweg aus seiner Situation sieht, so wird man doch morgen in der Morgenzeitung der Droge die Schuld geben. Weil es bequem ist und gut ins Bild paßt. Die Droge, die er aus dem gleichen Grund genommen hat, aus dem er sich gleich erschießen wird. Man wird ihn feiern, die Menschen in den Straßen werden für ihn singen, weil er sie verlassen hat, und weil sie es immer getan haben, und sie werden die ganze Zeremonie aufführen, die man in solchen Fällen traditionell aufführt. Aber man wird es in Dummheit tun. Im Unverstand. Man wird sich nicht darüber klar sein, daß man den falschen Helden feiert, weil dieser hier die Menschen dort unten so liebevoll gehaßt hat. Und das nicht, weil sie etwa zu dumm zum Denken gewesen wären oder etwa unfähig, eigene Entscheidungen zu treffen. Nein, sondern weil sie es in ihrer impertinenten Ignoranz einfach abgelehnt haben. Diese verdammten Idioten! Sie hatten ihm geglaubt, als er sie so offensichtlich belogen hat. Sie hatten seinen wohlgeplanten Selbstmordversuch als Dummheit misinterpretiert.. Dabei hatte er schon vor Monaten in aller Öffentlichkeit erklärt, daß er Bescheid wußte in der Anwendung von Drogen. Ein solcher Unfall wäre ihm nie passiert, nein. Die Zeit war nur einfach noch nicht ganz reif gewesen, denn der Sprung in die Tiefe kostete Courage, selbst wenn er gleichzeitig auch die größte aller Feigheiten darstellte. Nun, diesmal würde ihm kein Fehler unterlaufen. Diesmal würde er sich nicht austricksen lassen. Weder von seinen Gefühlen noch von seinem immer noch vorhandenen Überlebenstrieb. Dieses Mal waren die Würfel gefallen. Das Schicksal war bestellt. Er würde keinem dummen Zufall eine Chance geben: Die Flinte war geölt, auch an die Identifikation hatte er gedacht. Und wenn er schon mißverstanden werden würde, dann wollte er es auch in aller Konsequenz provozieren. Er hatte sich das alberne Szenario genau vorgestellt: Seine unschöne Leiche mit dem in Blut geschriebenen Abschiedsbrief daneben. Eine letzte Pose. Ironisch, makaber, theatralisch. Und konsequent. Vielleicht waren ja doch ein bis zweitausend Menschen da draußen, die ihn verstehen konnten. Seinen letzten Akt der Verzweiflung. Die einzige Verweigerung, zu der er jetzt noch fähig war. Sie waren diejenigen, vor denen er noch bis zum Schluß versucht hatte, sich zu rechtfertigen und sein Bestes zu geben. Sie waren es auch, denen gegenüber er sich so schuldig fühlte, weil er seine Ideale verraten hatte. Für sie wollte er sterben, denn einen besseren Grund zum sterben gab es nicht. Er hoffte, daß sie tatsächlich existierten. Er konnte sich schließlich schlecht für sich selbst opfern. Seine Gedanken schweiften ab. Sie flatterten aufgeregt hin und her. Hier zu seiner kleinen Tochter, die eines schönen Tages fragen würde, warum er ihr das angetan hatte. Dort zu seiner Frau, die ihn immer noch liebte, so sehr sie ihm auch meistens auf die Nerven fiel. Für einen Moment kam ihm die Frage in den Sinn, ob er tatsächlich richtig handelte. Gab es nicht letztlich doch immer einen Ausweg? Ja, kam es ihm in den Sinn, aber nicht für Betrüger. Er hatte sich schuldig gemacht. Es war zuviel geschehen, um es weiterhin unter den Teppich zu kehren. Wie hatte es nur dahin kommen können, fragte er sich auf einmal. Es hatte doch alles ganz hoffnungsvoll begonnen - so wie bei Legionen anderer Bands auch. Sie hatten ein bißchen Musik gemacht, hatten fleißig live gespielt und eine Firma gefunden. Sie hatten nicht viel verkauft, aber durchgehalten. Er hatte eine Handvoll netter Songs mit süßen Melodien geschrieben. Nicht schlecht, aber im Grunde nichts besonderes. Okay, wenigstens hatte er versucht, echte Gefühle darin zu verpacken anstatt hohler Floskeln. Aber das hatten Tausende anderer vor ihm ebenfalls getan, ohne daß die medienorientierten Massen je wie verrückt deren Platten gekauft hätten. Und das völlig ohne aggressive Werbekampagnen. Nun gut. Dann hatten sie wirklich gute Songs und eine große Firma. Sie hatten endlich im sonnigen Studio ohne Zeitdruck arbeiten und dabei Unsummen ausgeben können, ohne je in Gefahr zu geraten, das Minimum zu verschleudern, was für die meisten Plattenproduktionen investiert wird. Sie hatten die Songs gut abgehangen und sie überreif werden lassen. Sie hatten sie so oft gespielt und verändert, bis für sie selbst jede Schönheit vergessen war. Daher war die Überraschung dann hinterher um so größer, als die Platte gekauft wurde. Zeitungen, Radio, Fernsehen - plötzlich waren sie alle angerannt gekommen. Ohne auch nur einen Bruchteil des üblichen Hype hatte sich das Album praktisch von alleine verkauft, während sie auf ihrer Überseetour nicht mal eine Ahnung davon hatten. Doch irgendwann wurde der Erfolg unübersehbar. Es waren aufregende Momente gewesen. Träume von der Erfüllung von Träumen. Vermutlich das Schönste, was man im Leben überhaupt erleben kann. Es war ungefähr so, wie wenn man sich plötzlich in Gegenwart eines heimlich geliebten Menschen bewußt wird, daß es bald zum ersten Kuß kommen wird. Die Träume waren dann auch ausnahmsweise einmal nicht wie Seifenblasen zerplatzt, sondern waren, was viel schlimmer ist, Realität geworden. Plötzlich war das Leben um hundertachtzig Grad überdreht worden. Freunde waren nicht mehr Freunde, obwohl sie die gleichen Menschen geblieben waren. Feinde waren plötzlich Freunde, und um die wahren Freunde von den echten Freunden zu unterscheiden, bedurfte es inzwischen eines Detektivbüros. Doch auch das versagte in den entscheidenden Momenten, und man war auf seine eigene Fehlbarkeit angewiesen. Also log man nicht oft genug, und versäumte außerdem auch noch, eine Ersatzgestalt zu kreieren, die einem die Last der Verehrung ein wenig von den Schultern nehmen könnte, ohne daran zu zerbrechen, denn die weite Welt der Ignoranz war es nicht gewohnt, auf einen echten Helden zu stoßen. Vor allem nicht in einer Zeit, in der die Medienlandschaft mit Schaufensterpuppen dekoriert wird. Kein Wunder also, daß die Verehrung immer größer wurde, der Held zerbrach, und die Bewunderung in Neid und Mißgunst umschlug. Es ist eine Art Naturgesetz, daß das Mittelmaß grundsätzlich voller Neid und Mißgunst auf das Genie sieht. Besonders dann, wenn das Mittelmaß intelligent genug ist, um das Genie zu erkennen und sich gleichzeitig bewußt ist, ihm nie das Wasser reichen zu können. Daher strebt es nach Zerstörung und danach, die herrlichen Blüten zu zertreten, jegliche Schönheit im Mittelmaß zu ersticken und dem Erdboden gleich zu machen. Das Ergebnis ist seit Jahrhunderten bekannt. Er war durch die Scheiße gegangen. Buchstäblich, wenn man das Heroin in Betracht zieht, aber auch im weniger eigentlichen Sinne. Wenn auch nicht alleine, so war er doch zumindest das schwächste Glied der Kette gewesen und hatte den meisten Druck ertragen müssen. Während er da nämlich so gegangen war, hatte er nicht recht darüber nachgedacht, aber als es vorbei gewesen war, hatte er plötzlich bemerkt, wie weit er sich von sich selbst entfernt hatte und wie ausgebrannt er war. Er fühlte sich alt und bekam Angst vor der Angst. Jeder Schritt, den er tat, wurde überwacht von der Meute von Hyänen, die jederzeit bereit war, sich auf ihn zu stürzen. Er fühlte sich entrechtet und vogelfrei. Das war der große Erfolg. Der Preis des Erfolges. Ein Preis, der selbst in Raten gezahlt zu hoch gewesen wäre, um ihn sich auf Dauer leisten zu können. Und für ihn wurde er nicht einmal in Raten fällig. Das war schließlich der Grund dafür gewesen, daß er sich heimlich in die alte Hütte zurückgezogen hatte, die Flinte zurechtgelegt hatte und den Abgang bis ins Detail geplant hatte. Noch einen Schuß Heroin wollte er sich gönnen. Wie um noch das letzte Klischee zu bestätigen. Es war ihm egal. Nur Ende, Aus, Schluß, kaputt. Und er schoß sich den tröstlichen, weißen Stoff ins Blut. © Copyright 1998, Olaf Kohlmann. This work may not be reproduced in any form without the written consent of the author. |