Kurzgeschichte:

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  • "Spiegelei mit Erdbeeren"

    Im Grunde genommen könnte man mich mit Fug und Recht als ehrbaren Bürger bezeichnen. Vielleicht sogar als gottesfürchtigen und gesetzestreuen Zeitgenossen. Ich rauche nicht, trinke praktisch keinen Alkohol und bin bisher nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Ja, ich will sogar so weit gehen zu behaupten, daß ich nicht einmal in der Öffentlichkeit unangenehm aufgefallen bin. Abgesehen vielleicht von einigen Zwischenfällen in Restaurants. Doch davon berichte ich später.

    Früher, als Frauen noch den Wunsch nach Kindern und Familie hatten, hätte man mich in der Damenwelt wahrscheinlich gar als gute Partie bezeichnet. Vielleicht als furchtlosen Ritter, der jungen, blauäugigen Frauen des Nachts in ihren Träumen begegnet. An einer solchen Beschreibung wäre auch ein Körnchen Wahrheit gewesen, aber leider nur ein Körnchen, denn auch wenn es an der Oberfläche so aussieht, dann ist die Wirklichkeit doch anders beschaffen. Obwohl es nicht so sein müßte, hätte mich der liebe Gott nicht mit gewissen Charaktereigenschaften ausgestattet, die man weithin wohl mit "merkwürdig" umschreiben würde. Damit will ich sagen, daß all das oben gesagte gelten würde, wäre da nicht jener unübersehbare Stein des Anstoßes, über den bislang noch jede Frau, die ich kennengelernt habe - und es waren eine ganze Reihe - gestolpert ist. Also, um es gleich zu Anfang und ohne Umschweife offen auszusprechen: bezüglich gewisser Gewohnheiten entspreche ich nicht gerade exakt den Normvorstellungen. Genau genommen gibt es Dinge, die mir äußerst wichtig sind, und die es einer Frau verhältnismäßig schwer machen können, auf längere Zeit mit mir zusammenzuleben. Ich spreche hier - um es noch deutlicher zu sagen - von den mir eigenen etwas ausgefallenen Vorstellungen in Bezug auf meine Eßgewohnheiten. Womit wir auch schon beim Thema wären.

    Essen ist bekanntlich ein Grundbedürfnis des Menschen. Doch der reinen Nahrungsaufnahme steht das sinnliche Vergnügen, das eine sorgfältig komponierte Mahlzeit bieten kann, gegenüber. Damit will ich ausdrücken, daß ich dem Akt des Essens eine sehr große Bedeutung beimesse. Einen so großen Stellenwert gar, daß er für mich in einer zwischenmenschlichen Beziehung eine Hauptrolle spielt, denn schon der bloße Gedanke an eines meiner Lieblingsgerichte kann ein intensives Hochgefühl in mir auslösen. Ich will damit sagen, es ist nicht selten der Fall, daß mich das Verlangen nach einer wohlkomponierten Mahlzeit entsprechend meinen Vorstellungen zuweilen geradezu beherrscht. Aus diesem Grund ist es auch ausgesprochen wichtig für mich, daß meine Partnerin diese Leidenschaft voll und ganz toleriert; daß sie akzeptiert, daß ich gewisse Vorlieben hege, die nicht im entferntesten von der Mehrheit der Menschheit geteilt werden. Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, daß Leute, die eher dem Durchschnitt zuzuordnen sind, ihre Köpfe vermutlich mit Grausen abwenden und mir eine gewisse Perversität attestieren würden. Damit meine ich im Klartext, daß die meisten Zeitgenossen schon Spiegeleier mit Erdbeeren als Zumutung empfinden, daß der toleranteste Toleranzfanatiker aber möglicherweise langsam intolerant wird, wenn die Erdbeeren nicht nur grün, sondern zudem mit mittelscharfem Senf bestrichen sind. Obwohl ich nachdrücklich betonen will, daß man doch bitteschön sein Urteil nur dann fällen sollte, wenn man aus eigener Erfahrung weiß, wovon die Rede ist. Es ist sicherlich einfach, danach zu urteilen, was der Großteil der Bevölkerung für normal und richtig hält, doch seinem eigenen Geschmack vorurteilsfrei zu vertrauen, scheint nicht für jeden Zeitgenossen die einfachste Aufgabe zu sein. Nicht umsonst gibt es Zeitschriften wie Essen + Trinken, Guten Appetit! oder wie sie alle heißen, die allesamt dem Zwecke dienen, einen allgemeinen „Guten Geschmack" zu definieren.



    Ich liege fröstelnd unter der Bettdecke und versuchte mein Bestes um einzuschlafen, was mir jedoch vermutlich nicht gelingen wird, da es mir nämlich nie gelingt in der Nacht vor einem aufregenden Tag. Das war schon so vor meiner Führerscheinerwerb und ebenso vor der Meisterprüfung zum Koch, bei der ich dann wegen Übermüdung durchgefallen bin. Kein Wunder, daß es in der Nacht vor meiner Hochzeit keinen Deut besser ist.

    Ich liege wach und habe ein ungutes Gefühl im Magen, weil ich meine Eßgewohnheiten Charlotte gegenüber bisher mit keinem Wort erwähnt habe. Ich habe das Geständnis seit Monaten vor mir hergeschoben und eines Tages festgestellt, daß es inzwischen zu spät ist, davon anzufangen. Die Dinge sind mir durch die Finger geglitten, und jetzt, so kurz vor dem Ziel, möchte ich meine Hochzeit unter keinen Umständen gefährden.

    Sicher, ich liebe sie sehr, meine Charlotte, und ich respektiere sie auch. Vor allem verspüre ich auch eine gehörige Portion an Schuldgefühlen, weil ich sie nicht ins Vertrauen gezogen habe. Aber aufgehoben ist nicht aufgeschoben, und nach all den Erfahrungen der letzten Jahre habe ich es einfach nicht fertiggebracht, ihr die Ursache meiner Sorgen mitzuteilen. Man nenne mich feige, rücksichtslos oder einfach dumm. Aber bevor Charlotte nicht per Trauring an mich gekettet ist, wage ich es nicht, ihr solch deftigen Wein einzuschenken.



    Ich habe viele Jahre damit verbracht, nach den Wurzeln meiner Obsessionen zu forschen und bin dabei in frühkindliche Regionen vorgedrungen. Namentlich denke ich an ein Kindheitserlebnis aus der Zeit meiner frühesten Erinnerungen, als meine geliebte Mutter meinem geliebten Vater eines Nachts neben einem Hühnerbein eine Brust servierte, die sie zuvor gründlich mit Schlagsahne eingesprüht hatte. Ich erinnere mich deutlich an das entzückte Gesicht meines Vaters, der diese Köstlichkeit zu schätzen wußte und sein Mahl schließlich mehr oder minder brüderlich mit mir teilte. Will sagen, daß auch ich ein wenig von der herrlich süßen Sahne kosten durfte. Es ist zwar nicht gerade so, daß mich dieses Erlebnis allzusehr beeindruckt hätte, doch immerhin habe ich mich oft und gerne daran erinnert, und immer mehr Gefallen daran gefunden, je älter ich wurde. Man weiß ja, wie sich so etwas abspielt. In der Erinnerung verklären sich die Ereignisse. Sie werden größer und großartiger und entfernen sich gleichzeitig immer weiter von den tatsächlichen Fakten. Bis dann eines Tages Dinge die Glocke läuten, die mit der Wirklichkeit nur noch Bruchteile der ursprünglichen Idee gemeinsam haben.

    In meinem Fall war es genau so, und es führte letztlich dazu, daß ich immer experimentierfreudiger wurde, wenn es darum ging, scheinbar nicht zueinanderpassende Gerichte zu kombinieren. Ich brauchte einige Jahre, um herauszufinden, wie ich meine Geschmacksnerven am wirkungsvollsten befriedigen konnte, und um gleichzeitig die gesellschaftlich anerzogenen Moralvorstellungen der Geschmacksfixierung zu sprengen. Schließlich mußte ich zuerst herausfinden, wer oder was ich eigentlich war, dann meine Bedenken überwinden, und schließlich die anderen - namentlich die entsprechenden Frauen - davon überzeugen, die herrlichen Köstlichkeiten zu kosten und zuzubereiten.

    Damit wird vielleicht auch verständlich, warum ich zuweilen, wenn ich zufällig wieder einmal solo bin, in meiner Verzweiflung so weit gehe, in ein Fastfood-Restaurant zu rennen und dort ein heimlich mitgebrachtes, gesalzenes Spiegelei unauffällig in mein Erdbeermilchshake rühre. Natürlich nicht ohne peinlich berührende Schuldgefühle, die sicherlich kaum jemand nachvollziehen kann - es sei denn, er hat sich sein Leben lang ausschließlich von Fischstäbchen ernährt.

    Vielleicht wird in diesem Zusammenhang auch verständlich, warum ich vor ungefähr anderthalb Jahren - auf dem Tiefpunkt einer langmonatigen Kochgemeinschaft - ernsthaft darüber nachgedacht habe, ein Leiden zu beenden, das so stark geprägt ist durch den Wunsch nach Nähe zu einem geliebten Menschen, obwohl jegliche Beziehung aufgrund dieser Leidenschaften im Grunde schon von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Besonders auch, wenn man bedenkt, daß die süßen Spiegeleier bei weitem nicht das einzige Mittel sind, die Geschmacksnerven zum Höhenflug zu kitzeln, denn wenigstens ebenso erregend finde ich Spinat mit heißen Himbeeren.



    Seit gestern bin ich verheiratet! Ich trage einen goldenen Ring am Finger, und meine bessere Hälfte ist zur Zeit in der Küche verschwunden, um mich mit einem besonderen Gericht zu überraschen. Es ist einer jener Momente, in denen ich mir wünschte, sie sei aufgeklärt. Aber wann hätte ich das bitteschön bewerkstelligen können? Wohl kaum, als sie bemerkte, daß einige der Erdbeertörtchen des Hochzeitsbuffets mit scharfem Senf gefüllt waren. Das wäre wohl mit Sicherheit der falsche Augenblick gewesen. Ich bin bloß froh, daß ich ihr ausreden konnte, sich persönlich bei der Bäckerei zu beschweren. Zum Glück habe ich ihr klarmachen können, daß ich das besser selbst erledige.



    Des Pudels Kern liegt darin, daß ich mir selbst stets den Vorwurf machen muß, daß es schwer sein kann, meine Gelüste zu befriedigen. Eine Tatsache, die in Beziehungen immer wieder zu Frustrationen auf beiden Seiten geführt hat. So viele Frauen haben so viele unglaublich klingende Gerichte für mich zelebriert, die mit Sicherheit auf keiner Speisekarte dieser Erde zu finden sind. Ob Sauerkraut mit Butterreis oder Grünkohl mit Pinkel. Doch ich bin nun mal fixiert auf die feinen Spezialitäten, die ich oben beschrieben habe. Es gibt zwar durchaus noch Vorspeisen, die ich nie versucht habe, die aber ein gewisses Kribbeln auf meiner Zunge verursachen - beispielsweise Blumenkohl mit Mayonnaise, doch irgendwo tief im Innern finde selbst ich manche Küchenentgleisung abstoßend. Es ist eben gerade der Glanz des grünen Senfes, der meine Augen betört, und der Geruch des fettigen Spiegeleis, der mein Riechorgan entzückt. Das unglaublich sinnliche Erlebnis, die Erdbeeren auf dem Spiegelei zu schnuppern. Welch Höhepunkt der Ekstase!



    Vor einigen Monaten hatte ich einen üblen Traum. Am Morgen des großen Tages stand ich vor der Kirche, hatte die Ringe in der Tasche und konnte meine Charlotte nirgends entdecken. Mein erster Gedanke war, daß sie irgendwie von meinem Geheimnis Wind bekommen, und deshalb beschlossen hat, statt meiner den Besitzer einer Weinstube zu heiraten. Ich bekomme Panik, versuche eine Telephonzelle zu finden. Als ich nach längerer Suche fündig werde, ist sie besetzt. Als ich bemerke, daß es sich um den Besitzer eben jener Weinstube handelt, schreie ich Zeter und Mordio. Als mir zu alledem auffällt, daß der Kerl auch noch als Bräutigam verkleidet ist, werde ich gewalttätig.

    Schweißgebadet wache ich auf. Nach wenigen Sekunden, in denen ich wieder in die Wirklichkeit eintauche, wird mir klar, daß alles nur ein böser Traum war. Warum ich diesen Traum hier erwähne? Weil ich ihn in den letzten Wochen nach unserer Hochzeit drei weitere Male geträumt habe. Und das, obwohl Charlotte jede Nacht neben mir schläft.



    Für einen Moment lang schien mir das letzte Abendmahl der einzige Ausweg zu sein. Ob so oder so. Doch dann wurde mir plötzlich klar, daß die kulinarischen Gelüste eben jene Mauer darstellen, die der liebe Gott für mich aufgestellt hat, auf daß ich ein Leben lang Anlauf nehmen würde, um immer wieder von neuem dagegenzurennen. Es ist mir bewußt geworden, daß ich in meinem Leben eine Menge Kalorien investieren würde, um meinen Geschmackssinn immer wieder aufs Neue zu befriedigen und daß ich dabei auch gleichzeitig ganz unterschiedliche Nebenziele erreichen würde. Denn die Umwege, die einen manchmal über Serpentinen zum Ziel führen, können auch zu völlig neuen Ufern führen. Und da mußte ich lachen, und einige Stunden später habe ich den feierlichen Beschluß gefaßt, mein Schicksal zu akzeptieren.

    Damit will ich nicht behaupten, daß meine Probleme nun gelöst gewesen wären. Sie wurden nur erträglicher. Aber dennoch habe ich mir nach wie vor bei jedem Menschen, den ich kennengelernt habe, vorgestellt, was er wohl dazu gesagt hätte, wenn ihm bewußt gewesen wäre, daß ich es kaum erwarten konnte, des abends ein deftig gezuckertes Spiegelei mit Erdbeeren und Senf zu verspeisen. Und manchmal saß mir die kalte Angst vor Entdeckung im Rücken. Schließlich forderte ich das Schicksal immer wieder von Neuem heraus, indem ich in Feinschmeckerlokalen heiße Himbeeren bestellte und dann heimlich gefrorenen Spinat oder Fischstückchen darunter mischte. Auf diese Weise bin ich nicht bloß einmal in äußerst peinlich pikante Situationen geraten.



    Gestern abend habe ich ihr reinen Wein eingeschenkt. Ich habe die Situation einfach nicht mehr ausgehalten. Nicht zuletzt auch, weil sie so gerne kocht, und weil ich ihr die unvermeidliche Enttäuschung ersparen wollte.

    Natürlich war es nicht einfach. Ich habe zunächst versucht, die Geschichte ein wenig herunterzuspielen, was mir aber nicht gelang. Trotz allem hat sie verständnisvoll reagiert. An einigen Stellen hat sie sogar herzlich gelacht. Ich glaube, ich kann sehr glücklich sein, was Charlotte angeht. Sie ist äußerst verständnisvoll, und kein bißchen intolerant. Daß sie sich nicht gerade hundertprozentig in meine Lage versetzen kann, wundert mich nicht weiter. Macht auch nichts. Ich bin bloß froh, daß diese Angelegenheit jetzt nicht mehr zwischen uns steht. Wenn ich nur daran denke, daß ich jetzt vier Monate darüber gebrütet habe. Das einzige, was mir nach wie vor ein Rätsel ist: sie hat nichts dazu gesagt, daß ich sie nicht früher ins Vertrauen gezogen habe. Ob sie das gar nicht bemerkt hat? Aber andererseits war es doch geradezu offensichtlich.



    Ein anderes Problem bestand darin, daß ich irgendwann feststellen mußte, daß beinahe alle Gerichte, die auf meiner Wunschliste stehen, von vielen Leuten mit Fischstäbchen in Verbindung gebracht werden. Ein Gedanke, der mich eine Zeitlang sehr beunruhigte. Es ist nicht abzustreiten, daß gerade Fischstäbchenliebhaber oft einen ausgesprochenen Hang zu Erdbeerprodukten aufweisen. Vielfach sogar in Verbindung mit Himbeeren in allen Gewichtsklassen. Obwohl ich persönlich Fischstäbchen nie versucht habe, habe ich doch mittlerweile eine gewisse Sympathie, in einigen Fällen sogar Neid, bei mir entdeckt. Vielfach nur, weil es mich beeindruckt, mit welcher ungenierten Offenheit so mancher Koch seine Fischstäbchenorgien in aller Öffentlichkeit zelebriert.



    In den letzten Wochen hatten wir des öfteren Probleme wegen meiner kleinen Leidenschaften. Nicht zuletzt deswegen, weil ich hin und wieder einige Bemerkungen habe fallen lassen, als es Freitags Fisch zu essen gab, und daher bildet sich Charlotte nun wer weiß was ein. Natürlich habe ich ihr versucht klarzumachen, wie glücklich ich mit ihr bin, und manchmal habe ich sogar ihretwegen gelogen und die Wichtigkeit meiner kleinen kulinarischen Extrawünsche heruntergespielt. Selbstverständlich ist mir klar, daß man mit solchen Lügen auf Dauer nicht leben kann, aber im Augenblick wußte ich mir nicht anders zu helfen. Ich hoffe bloß, daß wir uns auf lange Sicht verständigen können.



    Im Laufe der Zeit habe ich mich sehr für berühmte Feinschmecker interessiert, und festgestellt, daß mancher Koch vor mir den Brei auf seine eigene Weise verdorben hat. Ich habe verschiedene Biographien gelesen und die Spezialisten unter die Lupe genommen. Es ergab sich, daß ich mit Sicherheit nicht der einzige bin, der Frauen dazu gebracht hat, die seltsamsten Menüs zu kochen und der deshalb Schuldgefühle verspürt. Selbst wenn die Frauen irgendwann schließlich behaupten, es gerne zu tun. Doch der Zweifel, ob sie es wirklich akzeptieren, oder eben bloß mir zuliebe die Rolle der Küchenchefin übernehmen, hat mir manches Mal Kopfschmerzen bereitet.



    Krise. Nach dreieinhalb Ehewochen sind wir auf unserem ersten Tiefpunkt angelangt. Vielleicht sollte ich besser von „Tiefstpunkt" sprechen. Warum brauche ich wohl nicht weiter zu erklären, oder? Ich meine, ich habe schließlich immer gesagt... Blabla.



    Es kam zu einer unschönen Szene im Feinschmecker-Restaurant „Gambrinus", weil der Kellner während einer Diskussion über verschiedene Früchte-Gewürz-Kombinationen von Geschmacklosigkeit sprach. Ich war beleidigt und entrüstet, und vor allem auch von Charlotte enttäuscht. Gerade von ihr hätte ich mehr Rückendeckung erwartet. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich mich auch ein bißchen zu ungeduldig verhalten. Und dann kommt noch erschwerend hinzu, daß Charlotte natürlich von Anfang an nicht nachvollziehen konnte, weshalb ich überhaupt solch seltsame Obsessionen hege. Und genau an dieser Stelle bringt sie mich auch aus dem Gleichgewicht. Das Problem ist schließlich, daß ich es ebensowenig weiß. Und da ich es langsam auch satt habe, seit einem Vierteljahrhundert mit keinem einzigen anderen Problem beschäftigt zu sein, als mich selbst in Frage zu stellen, weiß ich oft nicht, was ich ihr noch zur Antwort geben kann. Aber daß es eines Tages so kommen mußte, habe ich schließlich immer gewußt.



    Manchmal habe ich in meiner Not zum äußersten gegriffen und extreme Dinge unternommen. So habe ich vor einigen Jahren dem Herausgeber der Zeitschrift Bruises & Fruits einen ängstlichen Brief geschrieben und um Rat gefragt, inwiefern meine Lieblingsgerichte als typisch für jene Feinschmecker gelten, die sein Blatt lesen und nicht einmal eine Antwort erhalten. Ich habe mich bei den verschiedensten Gemüsehändlern umgesehen und stundenlang in den Kisten gestöbert. Als man mich freundlich zum Gehen aufgefordert hat, habe ich mir mindestens genauso lange die Schaufenster angesehen. Alleine die Auslage eines Spezialgemüsegeschäftes namens Fruits et Légumes kann die Salzsäureproduktion meines Magens schon zu Höchstleistungen anregen.



    Seit gestern Nacht ist alles in schönster Ordnung. Wir haben ausführlich über unsere Probleme und ebenso auch über meine geredet. Charlotte hat sehr verständnisvoll reagiert. Vor allem als ich ihr endlich erzählt habe, daß ich mir noch immer Vorwürfe mache wegen damals, als ich vor unserer Hochzeit nicht einmal den Mut hatte, ihr von meinen Neigungen zu erzählen. Daß mir diese Dinge wichtig sind, sogar sehr wichtig, das hat sie nun verstanden. Daß sie mich trotzdem lieben kann, hat sie mir eindeutig zu verstehen gegeben. In gewisser Weise könnte ich der glücklichste Mensch der Welt sein, aber irgendwie findet man eben immer noch einen Fisch in der Suppe.

    Je älter ich werde, desto mehr stelle ich immer wieder fest, daß ein Problem, das gelöst worden ist, sofort durch ein Neues ersetzt wird. Selbst dann, wenn man sich seit Jahrzehnten damit herumgeschlagen hat. Nun, das ist der Lauf der Dinge. Das Problem, mit Charlotte auf längere Sicht in einer Ehegemeinschaft leben zu können, hat sich also erledigt. Die Frage bleibt, ob ich mit mir selbst leben kann. Ob ich mir selbst genug vertrauen kann, um zu wissen, daß meine Wünsche im Rahm bleiben, und daß ich nicht eines Tages meine Traumvorstellungen immer weiter ausdehne. Vielleicht sogar bis zu einem Punkt, der mir selbst zu weit geht.



    So ist es eben. Manche Menschen sind fasziniert von Kartoffelbrei mit Kiwirahmsauce. Gerade Potatismen sind, wenn man den einschlägigen Gourmetzeitschriften Glauben schenken darf, sehr verbreitet, und die Anhänger dieser speziellen Cuisine perversité sind sehr engagiert ob ihres Steckenpferdes. Ich habe einige der einschlägigen Magazine gelesen, mich kundig gemacht und intensiv mit den perversesten Auswüchsen dieser Gerichte beschäftigt. Aber Kartoffelbrei mit Kiwirahmsauce geht dann selbst mir zu weit. Seitdem bin ich jedenfalls sicher, daß man in meinem Fall weder von Piscismus noch von Ovubaculismus sprechen kann. Ich würde behaupten, daß ich im Grunde genommen ganz normal bin wie jeder andere Mensch auch, daß der einzige Unterschied eben darin besteht, daß ich über alle diese kulinarischen Abnormitäten nachdenke und von Zeit zu Zeit das Bedürfnis verspüre, meine Träume Wirklichkeit werden zu lassen.


    © Copyright 1998, Olaf Kohlmann. This work may not be reproduced in any form without the written consent of the author.