| "Vom Schwimmen" Die Wellen waren nicht ohne, und er hatte immer wieder das Gefühl, keinen Zentimeter voranzukommen. Er blickte hinüber zur Mole und zählte die Pfeiler, die noch zwischen ihm und der Spitze der Mole verblieben waren. Es waren dreizehn. Er mußte also immerhin wieder gut zwanzig Meter geschafft haben seit der letzten Zählung. Die Sonne brannte vom Himmel und brach ihre heißen Strahlen zigtausendfach an der rauhen Wasseroberfläche. Ohne die Sonnenschutzcreme würde er jetzt wie ein Hähnchen auf dem Grill geröstet werden. Gut, daß Franz Josef noch daran gedacht hatte, eine Flasche zu besorgen. In diesem Augenblick tauchte eine mittelgroße Welle vor ihm auf und schwappte über ihn hinweg. Er schnappte nach Luft. Glücklicherweise gelang es ihm, kein Wasser dabei zu schlucken, denn das hielt er für einen Alptraum. Er leckte sich über die Lippen, die nach Salzwasser schmeckten. Einen Moment lang fragte er sich, ob er sich nicht doch etwas zu weit vorgewagt hatte. Immerhin war er jetzt wenigstens doppelt so weit draußen wie jeder andere Schwimmer, die Wellenreiter mit inbegriffen. Aber er tröstete sich selbst mit dem Gedanken, daß diese Tatsache schon gar nichts bedeute, denn so wie die Leute in diesem Land konfiguriert waren, war es kein Wunder, daß es niemand wagte, den Kampf mit der See aufzunehmen. Die Eingeborenen hier waren eher vorsichtige Leute, die den Drahtseilakt niemals ohne Netz und doppelten Boden gewagt hätten. Man ging nicht ins Wasser, wenn man keinen festen Boden unter den Füßen spürte. Freiheit! dachte er. Das ist wirkliche Freiheit. Wenigstens ein klitzekleines Stückchen davon. Oh, wie er das Gefühl, alleine zu sein, genoß! Er mußte nicht den Mund aufmachen, niemandem gefallen und auch nicht Rede und Antwort stehen. Vermutlich nahm nicht einmal jemand Notiz, wenn er ertränke. In diesem Falle wäre Franz Josef vermutlich der einzige, der ihm zu Hilfe eilen könnte, was allerdings zweifellos nicht geschehen würde, denn der war nicht der Typ, der sich einmischte, und bis er sich erst in Bewegung setzen würde, wäre Karthago sowieso verloren. Aber genau das ist eben die Definition von Freiheit: der Status völliger Entkopplung. Man kann alles tun und ist für sich selbst verantwortlich. Man bewegt sich außerhalb der Normen und Regeln. Ein Gefühl, daß belebend und beängstigend zugleich sein kann. Der Wechsel von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde, wie Stevenson ihn beschrieb. Ein faszinierender Gedanke, der zweifellos eine gewisse Gefahr in sich birgt. Aber war es das nicht schließlich auch wert? Wer für sich alleine verantwortlich sein wollte, konnte selbstverständlich nicht auf die Hilfe anderer zählen, denn diese Hilfe war eine Kette, die einen band und die Freiheit des Einzelnen einschränkte. Manchmal bis zur Unerträglichkeit. Die Sonne blendete. Ein Flugzeug zog in luftiger Höhe seine Runden und einen Werbetext hinter sich her, den die Frau im geschmacklosen Bikini, offensichtlich nur mit Mühe entziffern konnte. Franz Josef lag am Strand auf seinem Handtuch. Er war aus dem Wasser geflohen, nachdem ihn eine hinterlistige Welle erwischt, und er ordentlich Salzwasser geschluckt hatte. Abgesehen davon, daß er eine volle Stunde lang im Wasser gewesen war und sich eigentlich erholen wollte. Er hatte sich einigermaßen gründlich eingecremt, Ernsts Sonnenbrille aufgesetzt und es sich auf dem Handtuch bequem gemacht. Jetzt dachte er nach. Er kannte Ernst seit einigen Jahren und wußte, daß dieser ein unausgesprochenes Faible dafür hatte, alles etwas anders zu machen als andere. Daher war es auch kein Wunder, daß er heute etwas weiter hinausgeschwommen war. Es gab keinerlei Grund anzunehmen, daß irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte. Franz Josef war schließlich kein hysterisches Waschweib, das sofort die Feuerwehr ruft, wenn jemand seit zwanzig Minuten im Meer schwimmt. Jetzt war es drei Uhr. Er hatte seinem Freund halb im Spaß mitgeteilt, daß er, wenn dieser nicht bis fünf wieder da sei, ins Auto steigen und abfahren würde. Das entsprach zwar nicht ganz seinen Plänen, drückte aber in etwa aus, daß Ernst keinen Unfug machen sollte und Hilfe nicht erwarten konnte. Ernst schwamm weiter. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Mole, die einige hundert Meter weit in den Ozean hineinragte, zu umrunden. Kein Weltrekord, kein Lebensziel, aber immerhin eine Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte und für die er seine Hand nicht ins Feuer gelegt hätte, ob er sie auch tatsächlich erfüllen konnte. Es erinnerte ihn ein wenig an damals, als er vor einigen Jahren in Spanien in einen See gesprungen war und diesen überquert hatte. Es hatte zunächst ganz leicht ausgesehen, dann aber eine ganze Weile gedauert. Immerhin war er eine gute Stunde lang geschwommen. Das Gefühl der Überwindung, das ihn diese Aktion gekostet hatte, lag ihm noch auf der Zunge. Er hatte Angst gehabt. Angst davor, daß ihn seine Kräfte im Stich lassen könnten, Angst davor, in die Tiefe gezogen zu werden und auch davor, daß ihm ein Fisch in ein wichtiges Körperteil beißen könnte. Auch wenn es eine reine Gefühlssache war, die mit Verstand nichts zu tun hatte, war der Eindruck doch prägend gewesen, und Ernst hatte ihn nicht vergessen. Damals hatte er nicht gewußt, warum er den Sprung ins kalte Wasser eigentlich gewagt hatte, aber jetzt, wo er darüber nachdachte, war es offensichtlich. Es hatte mit Selbstbewußtsein und der Überwindung der eigenen Ängste zu tun gehabt. Und er war erfolgreich gewesen, denn heute hatte er keine Angst mehr vor bissigen Fischen. Wenigstens nur ein bißchen. Gewissermaßen war die Gefahr ja trotz allem nicht von der Hand zu weisen. Zumindest war ihm der Gedanke, daß ein Hai kommen könnte, um ihn ein bißchen anzuknabbern, vor einigen Minuten noch gekommen. Aber er hatte nicht ernsthaft darüber nachgedacht, denn er war sich bewußt, daß es ein Risiko war, das man eingehen konnte. Verglichen mit der Wahrscheinlichkeit, daß sein Hund plötzlich spanisch sprechen lernte, war es eigentlich zu vernachlässigen. Seine Gedanken flatterten. Er schwamm beinahe mechanisch in den Wellen. In Gedanken versunken, beinahe aufgezogen wie ein Uhrwerk. Manchmal zählte er die Pfosten, die nach wie vor weniger wurden, und manchmal änderte er sogar seinen Kurs. Seine Arme und Beine bewegten sich stetig im Takt - unabhängig von Wellen, Wind und Wandervögeln. Für ein paar Minuten war er dem elenden Alltag entflohen, war für sich alleine in seiner eigenen kleinen Welt und atmete den salzigen Geruch der Freiheit. Die Sonne blendete ihn noch immer ein wenig, doch es war nichts im Vergleich dazu, als er am Strand die Sonnenbrille abgenommen hatte. Er blinzelte und dachte an den gestrigen Abend. An Gespräche über das Land, in dem er fremd war, und die Leute, die ihm gleichgültig genug waren, um von ihnen nicht beleidigt werden zu können. Ja, erinnerte er sich, das hatte er gestern erwähnt: Hier, wo er sich fremd fühlte und fühlen wollte, machte es ihm nicht das geringste aus, wenn er einmal das Gefühl bekam, belächelt zu werden. Das war zuhause anders. Doch Leute, die er für satt, überzivilisiert und unbegreiflicherweise zufrieden hielt, konnten ihm einfach nichts anhaben. Franz Josef lag auf dem Handtuch, mit dem Kopf im Schatten. Er war schläfrig. Die Sonne und der Strand zeigten Wirkung. Auch er dachte an jenes gestrige Gespräch. Wenn auch nicht zur exakt selben Zeit. Sie hatten einige Flaschen Importbier zusammen getrunken, gelästert, und sich über die allgegenwärtigen Übergrößen amüsiert. In diesem Land, so stimmten sie überein, war eben alles übertrieben groß und extra breit. Die Häuser, die Autos und vor allem die Leute selbst. Aber das war nicht einmal ein Wunder, wenn man sich bloß die Portionen in den Restaurants und die Getränkeeimer ansah. Und dann die Straßen, die Einkaufszentren und die Nervenkliniken. Alles war mindestens drei Größen größer als er es von zuhause her gewohnt war. Ja, Ernst hatte zweifellos recht. Dieses Land hatte eine spürbar heilsame Wirkung; heilte es einen doch von der Vorstellung, daß es in der eigenen Heimat übertrieben beschissen war. Man wurde sich der schönen und angenehmen Dinge bewußt, die man fälschlicherweise immer als selbstverständlich hingenommen hatte, von denen man hier nun aber lernte, daß sie alles andere als Gott gegeben waren. Ernst war jetzt etwa seit einer halben Stunde weg, doch Franz Josef dachte nicht daran. Statt dessen bewegte er das Handtuch ein Stück nach vorne, um wieder im Schatten zu liegen, denn die Sonne war gewandert und brannte ihm nun auf höchster Flamme auf die Stirn. Man konnte froh sein, nicht in Australien zu sein. Ernst ließ sich von den Wellen hin und herwarfen. Er hatte es immer gemocht, etwas mit sich geschehen zu lassen. Ob es seine Mutter war, die ihn über den ganzen Körper streichelte, oder das Meer, das ihn wie einen Spielball über die Wasseroberfläche wirbelte. Er genoß das passive Gefühl, daß er einen Teil der Kontrolle über sich selbst verlor. Es entspannte ihn. Er liebte es, Kurs auf Südwesten zu nehmen und dank der Fluten, die ihn gleichzeitig Richtung Osten treiben wollten, letztlich irgendwo gen Süden zu landen. Er mochte es, mit voller Kraft gegen den Ozean ankämpfen zu können, ohne dabei das Gefühl zu haben, vorsichtig sein zu müssen, um nicht übers Ziel hinauszuschießen. Der Vergleich des Geschlechtsverkehrs mit einer Frau, die einem körperlich überlegen ist, kam ihm in den Sinn. Er hatte immer diese Gefühl im Hinterkopf, etwas schaffen zu müssen. Ständig mußte er sich selbst etwas beweisen, sich ein Ziel stecken und es mit vollem Einsatz zu erreichen suchen. Darin lag sein Fluch, seine Überlegenheit und sein persönliches Glück zugleich. Im Streben, nicht im Erreichen. Der Weg ist das Ziel. Vor einiger Zeit hatte er noch darüber gelacht, weil der Spruch so typisch für eine gewisse Art von trendbewußten Nettmenschen war, die er persönlich und für sich selbst als die "Sozialen" bezeichnete. Doch inzwischen war ihm das Lachen vergangen. Noch drei Pfosten und dann noch einige Meter! Der Preis ist heiß, das Ziel ist nah! Gleich ist er auf gleicher Höhe mit der Molenspitze. Aus einem unerfindlichen Grund kam ihm die Frau im orangefarbenen Plastikbikini in den Sinn, die am Strand lag. Seltsam! Er hatte ihre Verpackung zwar geschmacklos, aber dennoch faszinierend gefunden. Lag sicher daran, daß sie wie verrückt in der Sonne glänzte. Glitzernde, glänzende Dinge hatten ihn schon von jeher angezogen. Kein Wunder, daß Elstern gerne Silberlöffel klauten, um ihre Nester damit auszuschmücken. Und doch. Manchmal ängstigte ihn der Gedanke, daß er so seltsame Empfindungen hatte. Ob andere Menschen das auch kannten? Diesen Widerspruch zwischen Geist und Gefühl. Schließlich legte er gesteigerten Wert auf Stil und guten Geschmack. Da konnte er es sich im Grunde nicht leisten, daß seine Gefühle auf derartige Geschmacksverirrungen ansprachen. Die Leute in diesem Land bewegen sich schnell, sehr schnell, doch selten aus eigener Kraft. Das gilt auch für diejenigen, die sich im Wasser tummeln. Die Wellenreiter, die auf halber Höhe zwischen Ernst und dem Sandstrand ihr Unwesen treiben, sitzen, liegen oder stehen auf ihren Brettern und nutzen geschickt die Berge und Täler der Wellen, um sich darauf fortzubewegen. Doch immer mit Netz und doppeltem Boden. Dank der Sandbank verlieren sie den Boden unter den Füßen nicht so leicht. Hierzulande schwimmt man eben auch nicht dort, wo man nicht stehen kann. Franz Josef beobachtete eine junge Schönheit, die mit einem Pudel spielte. Verglichen mit dem Großteil der Leute am Strand hatte sie eine phantastische Figur in ihrem grüngelben Neonbadeanzug, und er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die schreiende Farbe Eindruck auf ihn machte. Wahrscheinlich hätte er das niemals offen zugegeben, vor allem nicht Ernst gegenüber. Doch selbst in der herben Häßlichkeit gab es doch manchmal so etwas wie Schönheit zu entdecken. Im Grunde war nichts daran auszusetzen. Man mußte nicht ständig überkritisch sein. Das war so ein Punkt, in dem er Ernst Übertriebenheit vorwarf. Der mußte alles immer furchtbar genau nehmen; alles mußte geschmackvoll und perfekt sein. Entspann Dich endlich mal! hätte er am liebsten von Zeit zu Zeit gesagt. Inzwischen waren es fast vierzig Minuten, seit Ernst sich verabschiedet hatte. Das Flugzeug kam wieder mal vorbeigeflogen. Eine kleine Sportmaschine. Jetzt schon zum dritten Mal. Es war eine jener typisch übertriebenen Werbeaktionen. Irgendein Vergnügungspark in der nächsten Umgebung wurde angepriesen. Er überschlug, daß das Flugzeug vermutlich mindestens siebenmal täglich vorbeigeflogen käme. Wenn man das mal sieben und anschließend mal vier nahm, kam man auf ungefähr zweihundert Flüge pro Monat. Ein teurer Spaß. Wahnsinn! dachte er. Für nichts und wieder nichts. Das ist Überfluß pur. Alles muß übertrieben werden. Groß, fett und riesig! Inzwischen war Ernst um die Mole herumgeschwommen. Er hatte sich ein paar lange bange Augenblicke lang gefragt, ob er den Weg zurück wohl schaffen würde, bis er bemerkt hatte, daß es zurück fast von alleine ging. Kein Wunder eigentlich. Schließlich hatte er regelrecht kämpfen müssen, um hinauszuschwimmen. Der Rückweg war also ein Kinderspiel. Er sah hinüber zum Strand, der ein hübsches Stück entfernt lag. Irgendwie hatte er das Gefühl, daß sich dort etwas zusammenbraute. Er wußte bloß nicht, was. Plötzlich tauchte eine Frau vor ihm auf. Sie war etwa zwanzig Meter weit entfernt, lag auf einem Surfbrett und paddelte auf ihn zu. Sie rief ihn an, aber er hatte zunächst Mühe sie zu verstehen. Obwohl er sich natürlich denken konnte, was sie wollte. Als sie näher kam, konnte er die Farbe ihres Bikinis erkennen, und als sie ihn erneut ansprach, hörte er so etwas wie die Frage, ob er Hilfe bräuchte, heraus. Ich schwimme einfach ein bißchen, antwortete er. Sie kam näher. Ist ungewöhnlich, daß Leute so weit herausschwimmen, sagte sie. Er antwortete nicht, weil ihm keine Antwort darauf einfiel. Natürlich, dachte er. Wer von denen kann schon richtig schwimmen? Es ist schön hier draußen, rief er, als die Frau schon wieder davonpaddelte. So ruhig und friedlich. Die Frau war noch keine zwanzig Meter geschwommen, als zwei Typen - ebenfalls auf Surfbrettern - heranpaddelten. Auch sie fragten, was los sei und ob er Hilfe bräuchte. Ernst verneinte, und bekam gleichzeitig das Gefühl, daß übertrieben viel Hilfsbereitschaft auch lästig sein konnte, als der eine Typ meinte, daß es vom Strand aus so ausgesehen habe, als ob er in Gefahr sei. Schön, dachte Ernst. Na und? Der Typ fuhr fort, daß ein Rettungstrupp wegen ihm unterwegs sei. Ernst wollte gerade zu lachen anfangen, als der Typ ein Stück weit hinter sich deutete, wo ein Schwimmer in orangem Anzug und mit farblich passendem Plastikhelm auftauchte. Der Schwimmer befand sich ebenfalls auf einem Surfbrett und machte einen merkwürdig unbehaglichen Eindruck. Ernst empfand den Anblick als komisch und bedrohlich zugleich. Horrorszenarien von falsch alarmierten Rettungsleuten, die für ihre Mühen teuer bezahlt werden wollten, machten sich in seinen Gedanken breit. Als er seinen Blick auf den Strand richtete, stellte er zudem fest, daß dort ein Boot zu Wasser gelassen wurde. Er wurde das Gefühl nicht los, daß der Typ auf dem Surfbrett die Wahrheit sprach. In diesem Moment rief der Schwimmer in orange ihm auch schon jenen Spruch zu, den er inzwischen schon kannte. Nein, mir geht es gut. Ich wollte einfach eine Runde schwimmen. Aber damit gab sich der orange Retter nicht zufrieden. Obwohl er selbst um Atem rang, bestand er darauf, daß hier ein Notfall vorlag, als auch schon das Boot auftauchte. Zwei Männer saßen darin. Einer von ihnen hielt ein Megaphon in der Hand und begann, beruhigend auf ihn einzusprechen. Daß er aushalten solle; er wäre ja jetzt gerettet. Daß Ernst alles andere als so aussah, in Not zu sein, fiel dem Megaphonisten ebensowenig auf wie den anderen Rettern. Ernst wußte nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Er versuchte klarzumachen, daß es ihm gut ging, daß er hier sei zum schwimmen, und daß er durchaus beabsichtigte, aus eigener Kraft an den Strand zu gelangen, doch erfolglos. Die Anwesenden waren nicht davon abzubringen, daß er am Ende seiner Kräfte sein müsse und daß hier ein eindeutiger Notfall vorlag. Weitere Diskussionen wurden nicht zugelassen. Er solle jetzt gefälligst ins Boot kommen. Das sei ein Befehl! Dem mußte er sich wohl beugen. Hinter ihm die Surfbretttypen, auf elf Uhr der um Atem ringende Herr in orange, und auf der anderen Seite die inzwischen grimmig dreinschauenden Bootsmänner. Er schwamm langsam ans Boot heran, und ehe er noch den Mund aufmachen konnte, um die Lage doch noch zu erklären, wurde er schon gepackt und ins Boot gezogen. Keine zwei Minuten später saß der orangefarbene Retter neben ihm. Er war sichtlich erschöpft und machte einen ernsten, aber befriedigten Eindruck. Noch immer völlig außer Atem stieß er die Frage hervor, ob Ernst okay sei. Dieser konnte ihn beruhigen. Die Fahrt verlief ereignislos. Ernst entdeckte sehr bald einen Schwarm sensationslüsterner Leute am Strand, außerdem einen Polizeiwagen mit eingeschaltetem Christbaumlicht. Alle Leute machten ernste Gesichter, so daß es ihm nicht allzu schwer fiel, ein Lachen zu verkneifen. Ohne eine Miene zu verziehen, verließ er das Boot. Um es kurz zu machen: Ein Polizist nahm seine Personalien auf, die Retter wurden beglückwünscht. Ernst gab tatsächlich seine richtige Adresse an und man dankte ihm für seine Kooperation. Franz Josef stand etwas abseits und Ernst bemühte sich, nicht zu ihm herüberzuschauen, da dieser der einzige Anwesende war, der alles andere als ernst aussah. Vor allem, nachdem Ernst den Polizisten gefragt hatte, was er denn nun bitteschön machen sollte, wenn ihn je wieder die Lust zu schwimmen befiele. Der Polizist kratzte sich am Kopf und meinte dann, daß er dann einfach schnell auf der Wache Bescheid geben solle. Wenn dann ein Anruf käme, daß jemand in Not sei, wüßten sie ja, das es falscher Alarm sei. © Copyright 1998, Olaf Kohlmann. This work may not be reproduced in any form without the written consent of the author. |